6 – Marie

Als sie sich nach dem Pizzaessen auf den Weg zurück Richtung Hostel machten, war Marie schon ziemlich betrunken. Oli hatte eine Flasche Wodka mitgenommen, den die beiden innerhalb einer Stunde komplett geleert hatten. Jetzt liefen sie Arm in Arm die Straße entlang und sangen schrill irgendwelche Schlager vor sich hin. Marie war zum ersten Mal an diesem Tag wirklich glücklich. Alkohol war eben doch die Lösung aller Probleme. Zum Glück waren die Lehrer nicht mehr bei ihnen. Die Schüler hatten jetzt offiziell Freizeit und Marie war mit den Jungs, die sie aus dem Rauchereck kannte, Chrissi, Ina und Anna auf der Suche nach der nächst gelegenen U-Bahnstation.
Als eine dicke Frau in einem knall türkisen Jogginganzug an ihnen vorbei lief, boxte Marie Anna, ohne groß darüber nachzudenken, gegen die Schulter und schrie „Augenkrebs!“. Das war früher einmal eine Tradition zwischen den beiden Mädchen gewesen. Immer, wenn eine von ihnen jemanden gesehen hatte, der sich unmöglich kleidete oder schlichtweg hässlich war, musste sie den Andere boxen und laut „Augenkrebs“ rufen.
Doch noch während sie ihre Faust wieder zurück zog, bereute sie es auch schon. Schließlich hatten sie das seit Ewigkeiten nicht mehr gemacht und Marie war sich nicht sicher, wie Anna zu ihr stand. Zu ihrer Erleichterung fing diese an lauthals zu lachen. Das Eis war gebrochen.
Die Frau im Jogginganzug drehte sich abrupt um und bedachte sie mit einem vernichtenden Blick. Das führte jedoch nur dazu, dass die beiden noch mehr lachen mussten.
„Weist du, Anna“, sagte Marie, als sie sich wieder ein Wenig beruhigt hatten, „das hab ich wirklich vermisst!“
Anna zögerte kurz, dann nickte sie. „Ich auch“.
Ohne es zu bemerken, waren sie ein gutes Stück hinter der Gruppe zurückgefallen.
„Weist du eigentlich, wie verdammt Leid mir das alles tut?“, wenn Marie betrunken war, konnte sie schnell mal etwas sentimental werden. Außerdem hatte der Alkohol ihr gerade genug Mut gemacht, die längst überfälligen Worte endlich auszusprechen. Doch das Thema und Annas mögliche Reaktion machten sie trotzdem nervös. Anna blieb stehen und schaute sie prüfend an. „Naja… ehrlich gesagt, nicht wirklich. Ich habs mir vielleicht gedacht, aber du hättest halt schon mal was sagen können.“. „Ich weiß“, stöhnte Marie und Reue stieg in ihr hoch. „Ich hab mich einfach nie getraut. Du hast ja keine Ahnung, wie schlecht ich mich deswegen immer noch fühle… Ich mein, du warst meine beste Freundin. Ihr alle… ihr alle wart meine besten Freundinnen! Ich hab immer gedacht, ihr habt eine bessere Freundin als mich verdient… Ihr seid so oft auf mich zu gekommen und habt gefragt was los ist. Und ich hab euch immer abgewiesen. Bin nie drauf eingegangen… Ich war einfach so dumm, weißt du? So ein richtiges Arschloch. Wer tut seinen Freunden sowas an? Ich mein, nicht mal den Mund aufkriegen für eine Entschuldigung. Das ist schon hart? Kannst du mir verzeihen?“, ihre Stimme versagte. Sie musste einmal tief Luft holen, damit ihr nicht die Tränen kamen. „Ich hab mich einfach so geschämt“, flüsterte sie und schaute zu Boden. „Ich dachte, ihr hasst mich. Und dazu hättet ihr ja auch alles Recht der Welt.“
Eine einsame Träne rollte ihr über die Wange. Irgendwie brach gerade alles über ihr zusammen. Die Reue für die Fehler aus der Vergangenheit, ihre Sorge wegen Lewi und Victoria und irgendwie auch eine Art schlechtes Gewissen wegen Fabi.
Sie drehte sich weg, um die Träne aus dem Gesicht zu wischen. Doch die Geste entging Anna nicht. „Heeey“, sagte sie beschwichtigend. „Soo schlimm ist das doch gar nicht. Das ist doch alles schon ewig her… fast 3 Jahre jetzt… Und ja, vielleicht waren wir damals verletzt und auch sauer, aber das Leben geht doch weiter… oder nicht?“ Marie schüttelte den Kopf. „ Es war nie mehr wie früher. Ich hatte echt immer das Gefühl, euch etwas schuldig zu sein. Und egal was ich gemacht hätte, das Gefühl wäre eh nicht weggegangen.“. „Aber das stimmt doch so überhaupt nicht. Das Ganze, was du eben gesagt hast… das hätte echt gereicht! Wir machen doch alle mal Fehler. Dafür sind wir doch Freunde… Und ganz ehrlich? Eigentlich hab ich immer Moritz die Schuld für das Alles gegeben.“. Daraufhin grinste sie: „Du kannst sagen was du willst, aber ich hasse diesen Typen einfach.“. „Aber hallo!“, bekräftigte Marie sie und die nächsten zehn Minuten ließen sie sich leidenschaftlich über Moritz aus. „Und weist du, was das schlimmste war?“ setzte Marie, die jetzt wieder bester Laune war, erneut an, „er hatte einen ganz kleinen…“ Sie schaute Anna verschwörerisch in die Augen. „Nein!?“, Anna prustete los „Und trotzdem warst du so lange mit ihm zusammen?“. „Ja schon, fast zwei Jahre“, Marie nickte. „Aber weist du, damals hatte ich eben keinen Vergleich. Woher sollte ich denn wissen, dass er klein ist.“ Sie lachte, aber Anna schien das irgendwie nachdenklich zu stimmen. Sie wechselte schnell das Thema, um die gute Laune aufrecht zu erhalten. „Sagmal, die da vorne haben echt auch überhaupt kein Plan wo sie lang müssen oder? Ich bin mir sicher, dass wir vorher nicht so lange laufen mussten“. Anna grinste wieder. „Ja man, die sind wahrscheinlich so breit, dass sie nich mal mehr wissen wo vorne und hinten ist“. „Haha, ja schon“, pflichtete Marie ihr bei.
Sie liefen eine Weile schweigend nebeneinander her. Schließlich ergriff Anna vorsichtig das Wort: „Du bist doch noch mit Lewi zusammen, oder?“. „Ja, schon…“ sagte Marie leicht verwirrt über diese Frage. Sie hatte angenommen, Anna wüsste das.
„Wieso fragst du?“, wollte sie wissen.
„Mh… nur so“, wich Anna ihrer Frage aus.
Wieder Schweigen. „Also… du musst jetzt nicht antworten, wenn du nicht willst, aber… naja, läuft da was zwischen dir und Fabi?“, platzte Anna plötzlich einfach raus. Überrascht blieb Marie stehen. „Dein Ernst?“, fragte sie mit einem leicht wütenden Unterton.“ Hast du das von Lewi?“.
Sie konnte nicht glauben, dass Lewi nun alle möglichen Leute darauf ansetzte, sie zu Überwachen.
„Hä? Nein. Wieso?“, Anna schien sichtlich verwirrt über die Frage zu sein. „Keine Ahnung er sagt das immer…“, murmelte Marie schuldbewusst, wegen ihrem unbegründeten Zorn und zuckte mit den Schultern. „Also?“, wollte Anna wissen. Marie hatte ganz vergessen, wie beharrlich Anna sein konnte, wenn sie etwas unbedingt wissen wollte.
„Also nein, da läuft nichts“, stellte Marie klar. „Sorry, ich dachte nur…“, setzte Anna zu einer Erklärung an. „Ach keine Ahnung, ich hab euch halt vorhin im Zug gesehen. Ihr habt schon irgendwie ziemlich vertraut ausgesehen, wenn du verstehst was ich meine.“, schloss sie. Ein kleines Lächeln schlich sich auf Maries Gesicht. „Ne, da ist wirklich nichts. Ich hab einfach oft Stress mit Lewi und Fabi ist einfach immer für mich da. Also wirklich immer. Ihm macht’s nie was aus, wenn ich Nachts mal anrufe und reden will, weil wieder irgendwas ist. Noch nie hat er gesagt, ne sorry keine Zeit oder sowas. Das ist mir halt einfach echt viel Wert… und andersrum, denk ich mal, genauso. Außerdem hatte er auch bis vor ner Woche noch ne Freundin. Wir sind einfach nur richtig gute Freunde.“, beendete Marie ihre Erklärung, gerade rechtzeitig. Sie hatten endlich eine U-Bahn Station gefunden und die anderen warteten schon auf sie.

Werbeanzeigen

3 Gedanken zu “6 – Marie

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s