24 – Anna

Der Anschlusszug ließ auf sich warten und nachdem die blecherne Stimme aus den Bahnhoflautsprechern weitere 20 Minuten Verspätung verkündet hatte, beschlossen Nermin, Sebi und Anna die restliche Zeit zu nutzen und etwas zu rauchen. Sebi und Nermin hatten einige „Fahrtlunten“, wie sie es nannten, gedreht und so war ihre einzige Sorge einen geeignet, abgelegenen Platz zu finden, um ihren Plan in die Tat umzusetzen.
Sie schlurften müde und verkatert den Bahnsteig entlang, während Sebi den Joint heraus holte und glatt strich. Als sie weit genug von den anderen entfernt waren, blieben sie schließlich stehen und er zündete ihn an. „Fabi und Marie wollten nich?“, fragte Nermin leicht verwirrt und Sebi antwortete schulterzuckend: „Hab Fabi nich gefunden und Marie is dann abgezogen und wollte ihn suchen.“. Diese Antwort schien Nermin zu genügen.
Anna jedoch wurde nachdenklich. Sie fragte sich, was da zwischen den beiden gelaufen war. Schließlich hatte Fabi eindeutig verletzt gewirkt nachdem Marie sie zuvor als ’nur Freunde‘ bezeichnet hatte. Sebi jedoch schienen ihre Worte nicht überrascht zu haben oder er ließ es sich auf jeden Fall nicht anmerken.
Bei Anna sah die Sache allerdings ganz anders aus. Die Zeit mit Sebi in Berlin kam ihr plötzlich wie ein Traum oder eine lange vergangene Erinnerung vor. Heute Abend würde das richtige Leben wieder weiter gehen und sie würde sich mit Maxi auseinander setzen müssen. Es war an der Zeit eine Entscheidung zu fällen, doch wie diese genau aussehen würde, war Anna völlig unklar.
Als Nermin den Jey an sie weiterreichte, nahm sie einen tiefen Zug und hoffte inständig, ihre Sorgen noch ein wenig aufschieben zu können. Nach dem dritten Zug klappte es tatsächlich ein bisschen und sie beteiligte sich an einem belanglosen Gespräch zwischen Sebi und Nermin.
Wenig später war die Tüte fertig und sie schlenderten zurück zu den anderen. Es dauerte nicht lange, da fuhr der Zug auch schon ein und Anna machte sich verzweifelt an die Platzsuche. Jeder Wagon den sie durchschritten war rappel voll, doch im letzten Wagen fand sie schließlich einen leeren Zweier. Nachdem sie den Koffer auf der Gepäckablage verstaut hatte, ließ sie sich müde auf den Fenstersitz fallen und beobachtete Sebi, wie er es sich neben ihr gemütlich machte.
Ausnahmsweise war sie erfreut, als dieser direkt sein Handy hervor holte und Musik zu hören begann. Nach einigen Minuten tat sie es ihm gleich und schaute nachdenklich den am Fenster vorbeiziehenden Häusern nach. Mit jedem Haus, das sie hinter sich ließen, kam die Realität mit unaufhaltsamer Geschwindigkeit näher und Anna wünschte sich verzweifelt, der Zug würde langsamer fahren. Jede Verspätung die sie heute schon hatten in Kauf nehmen müssen, war eine Erleichterung für sie gewesen und der Gedanke an zu Hause bereitete ihr Übelkeit.
Wie sollte sie Maxi nur jemals wieder in die Augen schauen, ohne an Schuldgefühlen zu ersticken? Selbst wenn sie die Sache mit Sebi für einmalig erklären und alles daran setzen würde, es zu vergessen, wäre es nicht mehr das Selbe. Außerdem würde sie Sebi jeden Tag in der Schule sehen und sie konnte sich beim Besten Willen nicht vorstellen, dass es ihm gefallen würde, wenn sie so tat als wäre nie etwas geschehen.
Es war eine Zwickmühle. Denn so sehr sie dies auch zu verhindern suchte, würde sie mindestens einen der beiden verletzen müssen. Bedacht rational wog sie das Ausmaß der nachfolgenden Schäden einer jeden Entscheidung gegeneinander ab. Sie kam zu dem Schluss, dass es für alle Beteiligten das Beste sein würde, einfach zu vergessen, was geschehen war. Sie kannte Sebi erst eine Woche, wusste so ziemlich gar nichts über ihn und von tiefen Gefühlen konnte man auch nicht sprechen. Der Gedanke ihn zu verletzen schmerzte sie zwar sehr, doch es war kein Vergleich zu dem was sie Maxi antun würde, wenn sie es nicht täte.
Maxi! Sie liebte ihn über alles und war bis vor Berlin so glücklich mit ihm gewesen, dass sie sich ein Leben ohne ihn überhaupt nicht mehr hatte vorstellen können. Der gut aussehende, lustige und dennoch erwachsene Maxi. Er liebte sie wie verrückt und ließ keine Gelegenheit aus ihr dies zu zeigen. Er hatte es nicht verdient so zu leiden. Er hatte es nicht verdient von seiner Freundin für einen anderen verlassen zu werden. Und vor allem hatte er es nicht verdient das einzige, dass ihm momentan Halt gab, zu verlieren.
Doch so sehr sie Maxi auch liebte, hatte er auch seine Schattenseiten. Denn auch wenn seine Probleme selbstverständlich um einiges größer und ernster als die ihren waren, hatte sie manchmal das Gefühl, mit ihm nicht über ihre Probleme reden zu können. Es kam ihr dann immer so vor, als wären ihre Probleme im Gegensatz zu seinen Kleinigkeiten und als sei es nicht fair sich bei ihm über solche Sachen zu beschweren. Schließlich hatte Maxi es nicht gerade leicht im Leben und konnte ein Jammern auf so hohem Niveau nicht immer verstehen.
In einer kleinen Auseinandersetzung hatte er ihr letztens sogar vorgeworfen, sie habe das perfekte Leben ohne Probleme und würde in der wahren Welt der Erwachsenen nicht einen Tag überleben. Dieser Vorwurf hatte Anna unglaublich sauer gemacht und sie konnte nicht glauben, dass Maxi wirklich so von ihr dachte. Vermutlich hatte er das einfach so ohne nachzudenken gesagt und es nicht einmal wirklich gemeint. Immerhin war er einer der wenigen Menschen, die von dem Unfall ihrer Mutter wussten.
Der Unfall. Sie verdrängte ihn unglaublich gerne aus ihren Gedanken, trotz dass sich mittlerweile wieder einiges normalisiert hatte. Im Februar war ihre Mutter von einem vier Meter hohen Aussichtsturm gestürzt. Es kam ihr vor wie gestern. Maxi hatte ihr in der Mittagsschule eine SMS geschrieben, sie solle doch schnell nach Hause kommen, ihr Vater wolle mit ihr reden. Schon beim Lesen der Nachricht hatte sie es mit der Angst zu tun bekommen. Doch nichts, was sie sich auf dem Weg nach Hause ausgemalt hatte, war auch nur annähernd an das heran gekommen, was dort auf sie gewartet hatte. Maxi hatte sie in Empfang genommen und dann war ihr Vater mit ihr ins Zimmer gegangen. Er hatte von ihrer Mutter geredet – viel wirres Zeug – und dass sie gestürzt sei und nun im Krankenhaus wäre. Dann war er in Tränen ausgebrochen. Noch nie zuvor hatte sie ihren Vater auch nur mit glasigen Augen gesehen! Bei dem Anblick ihres weinenden, verzweifelten Vaters war eine Welt für sie zusammen gebrochen. Es war falsch! Irreal! Ein Vater sollte nicht weinen. Ein Vater sollte immer stark sein und wissen wie es weiter ging.
Wenig später hatte sie erfahren, dass ihre Mutter im Koma lag und niemand sagen konnte, wann oder ob sie überhaupt aufwachen würde, geschweige denn in welchem Zustand. Nach fünf Tagen Koma war sie Gott sein Dank aufgewacht und nach und nach hatte sich ihr Zustand verbessert. Außer eine Lähmung in der Schulter und zahlreiche Brüche hatte sie den Sturz gut überstanden. Nach einem dreimonatigen Krankenhausaufenthalt war sie nun in einer Rehaklinik mehrere Stunden vom See entfernt und versuchte ihre körperlichen Fähigkeiten zurück zu erlangen.
Anna hatte keinem ihrer Freunde auch nur ein Wort davon erzählt. Vermutlich um nicht auch noch in der Schule daran denken zu müssen. Doch Maxi hatte es gewusst und wann immer sie mit ihm über ihre Sorgen um ihre Mutter hatte reden wollen, hatte er es mit einem :“ Es wird schon alles wieder gut.“ abgetan. Darauf folgten dann meistens Probleme seinerseits über die er gerne Sprechen wollte und wann immer sie falsch darauf reagierte, warf er ihr vor sie lebe in einer Blase und habe keine Ahnung vom wahren Leben. Erst war sie der Ansicht gewesen, er wäre einfach nur mit der Situation überfordert, doch nun, da sie darüber nachdachte, störte sie sein Verhalten doch. War es vielleicht wirklich so, dass ihre Beziehung nur dann einwandfrei funktionierte, solange er die Probleme hatte und sie die Rolle der Zuhörerin übernahm?
Noch nie zuvor hatte sie sich all diese Gefühle und Gedanken eingestanden. Bis gerade eben hatte sie nicht einmal gewusst, wie sehr sie dieses Verhalten eigentlich an Maxi störte. Doch jetzt war nicht die richtige Zeit sich über seine möglichen Fehler klar zu werden und an ihrer Beziehung zu zweifeln. Sie hatte sich entschieden, wie sie mit der Situation umgehen würde und egal ob Fehler oder nicht, sie liebte Maxi und wollte ihn um nichts in der Welt verletzen. Vermutlich versuchte sie gerade nur Ausreden und Erklärungen für die Geschehnisse in Berlin zu finden.
Gerade als sie zu diesem Schluss gekommen war packte Sebi neben ihr sein Handy weg und wandte sich zu ihr. Anna tat es ihm, um nicht unhöflich zu erscheinen nach, doch sie hatte Angst vor dem kommenden Gespräch. „Ich nehm an, das gestern Abend bleibt unter uns?!“, stellte er langsam fest und Anna fiel ein Stein vom Herzen. Er verstand die Situation also besser, als sie vermutet hatte. „Ja das wär besser, denk ich.“, stimmte sie mit ernster Miene zu.
„Ich werd dich trotzdem in meinem Bett vermissen.“, erwiderte Sebi schelmisch grinsend und auch Anna konnte nicht anders. „Haha ja, auf jeden Fall.“, entgegnete sie lachend und erleichtert darüber wie locker Sebi mit dem Ganzen umzugehen schien. „Rauchst du nach der Fahrt noch einen mit?“, wollte er schließlich wissen und sie nickte. „Klar, wir müssen Berlin doch gebührend abschließen.“, verkündete sie mit feierlicher Stimme.
Die restliche Fahrt über sprachen sie über dies und jenes, doch keiner der beiden sprach die vergangene Nacht noch einmal an und Anna rechnete dies Sebi hoch an.

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23 – Marie

Maries Herz rutschte ihr in die Hose. Wieso tat ihr das Schicksal so etwas an? Sie hatte sich gerade damit abgefunden, dass Lewi ein rücksichtsloses Arschloch war, nur um nun wieder daran erinnert zu werden, dass eigentlich sie den Arschloch-Part übernommen hatte. Sie war fremd gegangen! Sie stand hier und küsste Fabi, währendem Lewi zu Hause saß und sich den Kopf darüber zerbrach, wie er ihre Beziehung am Besten retten konnte. ‚Was antworte ich jetzt darauf?‘, fragte sie sich verzweifelt und ihre Augen begannen zu brennen. Sie schob Fabi unsanft von sich. „Gehen wir zurück, die wundern sich sicher schon, wo wir bleiben.“, sagte sie trocken und ohne ihn überhaupt richtig anzuschauen.
Lewi wollte sie auch noch abholen! Ihr wurde übel, als sie daran dachte, wie Lewi sie nach Hause bringen und wahrscheinlich erwarten würde, bei ihr schlafen zu können. Mit ihr schlafen zu können – nach einer Woche Trennung ja nicht so abwegig. Sie wusste nicht wieso, aber mit ihm zu schlafen war wirklich das aller letzte, was sie momentan wollte. Sie liebte ihn zwar noch immer, aber ihre Schuldgefühle begannen sie innerlich aufzufressen. Sie würde nicht bei ihm sein können, nicht die ganze Nacht, und so tun, als wäre nichts geschehen. Sie fühlte sich viel zu schlecht und er hatte es eigentlich gar nicht verdient. Nicht einmal nach dem ganzen Ärger, den sie wegen Victoria gehabt hatten.
‚Ich muss mit ihm Schluss machen‘, schoss es ihr plötzlich durch den Kopf und ihr Magen verkrampfte sich schmerzhaft. Geistesabwesend stellte sie sich zu Anna und zupfte an ihren Haaren. Sie nahm überhaupt nicht wahr, was um sie herum geschah, bis Anna plötzlich nach ihr rief. „Willst du da ewig rumstehen? Du weißt schon, dass der Zug nicht auf dich wartet, oder?“. Erschrocken fuhr sie zusammen und stellte fest, dass alle anderen bereits in den Zug gestiegen waren. Also beeilte sie sich hinterher zu kommen.
Endlich im Zug versuchte sie keuchend ihren viel zu schweren Koffer auf die Gepäckablage zu hieven. Aber der Koffer war einfach viel zu schwer. Gerade wollte sie aufgeben, da stieg ihr der vertraute Geruch von Fabis Parfum in die Nase. Sie konnte nicht verhindern, dass sich bei dem Geruch ihre Eingeweide wohlig zusammenzogen und alles in ihr zu kribbeln begann. Auch ihr Puls schoss sofort in die Höhe. Sie hasste sich dafür, dass sie ihn so gern hatte. „Komm ich helf dir“, bot Fabi ihr nun an. Hilfsbereit wie immer und als wäre ihr Koffer federleicht hob er ihn auf die Ablage. „Ich hab dir einen Platz frei gehalten.“, er deutete auf eine Sitzecke mit vier Plätzen. Zu ihrer Erleichterung stellte Marie fest, dass auch Anna dort Platz genommen hatte, neben Sebi. Aber wenigstens würde sie nicht mit Fabi allein sein müssen, das hielt sie in ihrem verwirrten Gemütszustand gerade nicht aus. Gegenüber ihrer Sitzecke war eine weitere, ebenfalls mit vier Plätzen. Chrissi, Nermin, Ina und Wolfram hatten es sich dort gemütlich gemacht. Eine Weile saßen sie alle schweigend nebeneinander, jeder hing seinen eigenen Gedanken nach. Ina und Chrissi schliefen sehr bald ein, sie hatten die letzte Nacht ja auch komplett durchgefeiert. Auch Anna war mit ihrem Kopf auf Sebis Schulter gesunken, die Augen geschlossen. Marie jedoch war peinlich darauf bedacht, Fabi nicht zu berühren. Aber jedes Mal, wenn sie ein Stück von ihm weg rutschte, schien er automatisch zu folgen. Und sie wusste selbst, dass das Fabi gegenüber nicht fair war. Im einen Moment schlich sie sich mit ihm davon und im nächsten wollte sich ihm nicht zu nahe kommen? Das würde jeden Mann verwirren und Marie nahm es ihm nicht übel. Dennoch drehte sie sich von ihm weg und starrte gedankenversunken aus dem Fenster. Sie musste Lewi endlich eine Antwort auf seine Nachricht schreiben. Aber sie wusste beim besten Willen nicht, was sie machen sollte. Zögernd zog sie ihr Handy hervor und drehte es so, dass Fabi, selbst wenn er es darauf anlegen würde, nichts lesen könnte.

Hey 🙂
Ja, wir sollten echt reden…
okay ich sag meiner Mutter, dass
sie mich nicht abholen braucht.
Ich bin froh, dass du dich gemeldet
hast. :*

Zitternd tippte sie auf Senden. Kein ich liebe dich, kein Herz. Das kam ihr nur fair vor. Sie wusste zwar noch nicht, ob sie Schluss machen wollte, aber sie wollte ihm auch nicht das Gefühl geben, alles sei in Ordnung. Immerhin hatte sie auch eine Woche lang nichts vom ihm gehört. Als sie wieder aufschaute, bemerkte sie, dass Anna sie beobachtete. Marie zog fragend eine Augenbraue hoch und Anna deutete mit einer Kopfbewegung, leicht besorgt, wie es schien, auf Maries Handy. Diese schüttelte nur leicht den Kopf und formte mit dem Mund lautlos das Wort ’später‘. Anna nickte verständnisvoll und schloss erneut die Augen. Marie war so froh wie noch nie, dass Anna ihre Freundin war. Sie hatte das Gefühl, sie könne ihr alles erzählen, ohne Ausnahme und Anna würde sie nicht verurteilen. Marie wusste nicht, was zwischen ihr und Sebi gelaufen war, aber selbst wenn Anna nicht so weit gegangen war wie sie selbst, würde sie es dennoch verstehen können, da war sich Marie sicher. Sie würde ihr wenigstens einen ehrlichen Rat geben und ihr auch ziemlich sicher den Kopf abreißen, falls das nötig wäre.
„Wo müssen wir eigentlich aussteigen?“, fragte Nermin, an die von ihnen, die noch wach waren, gewannt. Aber als Antwort bekam er nur allgemeines Schulterzucken. Wolfram stand kurzerhand auf. „Ich geh mal die Lehrer suchen und frag nach.“, teilte er den anderen mit tiefer Stimme mit und verschwand. Er war länger weg als erwartet und als er wieder zurück kam, waren die meisten von ihnen bereits aufgewacht. Nur Ina schlummerte allem Anschein nach noch tief und fest. „Noch zwei Stunden ungefähr, aber sie meinten, sie sagen uns dann nochmal Bescheid.“, brachte Wolfram die auf den neusten Stand der Dinge. Dann setzte er sich hin und begann breit zu grinsen. „Ihr glaubt mir nicht, was für ein interessantes Gespräch ich gerade mit den Lehrern führen durfte.“, verkündete er enthusiastischer, als Marie es von ihm gewohnt war. Er erntete fragende Blicke und sein Grinsen wurde noch breiter. Marie war sich ziemlich sicher, dass sein Blick zwischen ihr und Fabi und Anna und Sebi hin und her glitt. „Jetzt sag schon!“, drängte Anna ungeduldig. „Die Lehrer haben irgendwie darüber geredet, wie so eine Stufenfahrt ja immer wieder die verschiedensten Leute zusammenbringt und wie toll sie das immer finden. Und dann meinten sie noch irgendwie so etwas, dass sich über so eine Woche ja auch interessanter Weise immer wieder neue Pärchen bilden.“, er machte eine künstlerisch betonte Pause, wohl wissend, dass alle Augen auf ihn gerichtet waren. „Und als Beispiel haben sie euch genannt.“, er deutete in die Richtung ihn der Marie, Fabi, Sebi und Anna saßen. Maries Herz blieb für einen Moment stehen und sie wusste, dass es Anna gegenüber von ihr genauso gehen musste. Die beiden tauschten entsetzte Blicke. Dann räusperte sich Marie. „Das ist ja wirklich lustig. Also ich mein, wie die Lehrer immer denken, dass sie über alles Bescheid wissen. Wir, Anna und ich, wir haben einen Freund. Aber nicht hier im Zug, sondern zu Hause. Wie kommen die auf die Idee, wir wären mit denen zusammen? Wir sind nur Freunde. Mehr wäre absolut undenkbar.“. Nach dem sie geendet hatte nickte Anna zustimmend und Marie schaute besorgt zu Chrissi und Nermin, doch die beiden wirkten einigermaßen zufrieden mit ihrer Antwort auf die Spekulationen der Lehrern. Wolfram zuckte nur unbeteiligt die Schulter. „Hab ich mir auch gedacht.“, sagte er nur und damit war das Gespräch für ihn beendet. Er interessierte sich sowieso nicht wirklich für sie alle, das hatte er sich schon mehrmals anmerken lassen. Er war viel älter, schon 22 und nach einer abgeschlossenen Lehre nochmal zurück in die Schule gegangen, um sein Abitur nachzuholen. Aber Marie hatte das Gefühl, dass auch ihm die Woche in Berlin gefallen hatte. Er war zwar eher der Einzelgänger-Typ, aber trotzdem war er eigentlich jeden Abend mit dabei gewesen, wenn sie sich betrunken hatten. Und auch, wenn er nicht viel getrunken hatte, so waren sie doch das ein oder andere Mal in ein Gespräch gekommen. Auch wenn Wolfram sich das vielleicht nicht eingestehen würde, Marie glaubte, er mochte sie alle mehr, als er es ihnen zeigte. Wie angekündigt kamen die Lehrer zwei Stunden später zu ihnen und teilten ihnen mit, dass sie bei der nächsten Station aussteigen müssten. Also standen alle auf und holten ihr Gepäck von der Ablage. Marie plagte sich erneut damit ab, sie war einfach zu klein und kam nicht richtig an ihren Koffer heran, den Fabi zu allem Überfluss auch noch weiter nach hinten geschoben hatte. Doch diesmal kam er ihr nicht zur Hilfe. Er betrachtete sie nur ausdruckslos und nachdenklich, während sie verzweifelt auf und ab hüpfte um an den Koffer zu gelangen. „Komm, ich helf dir!“, bot Sebi endlich an und gab ihr den Koffer. Marie bemerkte, wie er sich danach zu Fabi umdrehte und ihm einen fragenden Blick zu warf, den Fabi aber geschickt ignorierte. Auf dem Bahnsteig suchte Marie nach Fabi, sie wollte noch eine mit ihm rauchen, bevor sie wieder in den nächsten Zug steigen mussten, aber sie konnte ihn nirgends entdecken. „Hast du Fabi gesehen?“, fragte dann auch Sebi, aber Marie schüttelte nur den Kopf. Sie machten sich auf die Suche nach ihm und fanden ihn zwischen Lena und ihren Freundinnen. Lena saß schon wieder auf Fabis Schoß! Marie traute ihren Augen nicht. Sie war sich bewusst, dass sie keine exklusive Beziehung führten und sie selbst ja auch in einer Beziehung steckte, aber ging das nicht ein bisschen zu weit? Entschlossen ging sie auf Fabi zu und bedeutete ihm ihr zu folgen. Ein wenig genervt stand er auf und sie stellten sich ein wenig abseits der Gruppe. „Was?“, fragte er und klang eindeutig genervt. „Dein ernst? Lena?“, Marie konnte die Wut und Enttäuschung in ihrer Stimme nicht unterdrücken. Fabi jedoch zuckte bloß mit den Schultern. „Das braucht dich doch nicht interessieren, oder? Ich meine das mit uns ist… wie hast du es noch gleich ausgedrückt? Achja genau! Ich glaube deine Worte waren ‚absolut undenkbar‘.“. Ohne ihr eine Gelegenheit zum Antworten zu geben, drehte er sich um und ging davon. Zurück zu Lena.

22 – Marie

Marie konnte nicht fassen, dass die Jungen doch tatsächlich so dämlich waren und es nicht schafften rechtzeitig zum Treffpunkt für die Abfahrt zu kommen. Waren sie wirklich so bekifft, dass sie nicht verstanden, was passieren würde, wenn sie den Zug verpassten? Sie hatten schließlich kein Ticket! Entschlossen zog sie ihr Handy heraus und tippte genervt eine SMS an Fabi.

Wo seid ihr denn?
Beeilt euch mal ein Bisschen.

Irgendwie ärgerte es sie auch, dass Fabi scheinbar gar nicht daran interessiert war, einen Platz neben ihr im Zug zu bekommen. Nach allem was in den letzten Tagen zwischen ihnen gelaufen war, hatte sie sich ein wenig mehr Aufmerksamkeit von ihm erhofft. Und nicht weniger schockiert war sie über die Tatsache, dass es die Lehrer überhaupt gar nicht interessierte, ob die Jungs da waren oder nicht. Das Vibrieren ihres Handys riss sie aus ihren Gedanken. Eine Nachricht von Fabi:

Sind schon auf dem Weg.

Na wenigstens etwas, dachte Marie genervt und suchte die Gruppe nach Anna ab, um ihr die Neuigkeiten mitzuteilen. „Hast du schon was von den Jungs gehört?“, fragte diese dann auch sofort, als Marie neben ihr stand. „Ja, Fabi hat mir geschrieben, er meinte sie sind gleich da.“, antwortete sie und Anna fragte skeptisch: „Meinst du die finden den Weg?“. Marie musste lachen, aber dann dachte sie daran, wie vier bis aufs äußerste bekiffte Jungen eine U-Bahn Station finden, und dann auch noch in die richtige einsteigen sollten und stellte fest, dass es eigentlich eine berechtigte Sorge war. Anna schaute sie halb belustigt, halb besorgt an. Marie schüttelte den Kopf. „Du hast Recht, es is schon gut möglich, dass die das nicht packen. Wie wärs, lass denen mal entgegen fahren, oder? Wir haben noch ne halbe Stunde bis unsere Bahn fährt.“ „Okay, ich bin dabei. Is sicher besser so.“. Anna eilte sofort los und Marie hastete ihr schnell hinterher. Im Gehen rief sie Chrissi noch zu: „Wir gehen mal nach den Jungs suchen!“. Chrissi antwortete gar nicht auf ihre Auskunft, sondern runzelte nur die Stirn und zog skeptisch eine Augenbraue hoch. ‚Da ist wohl jemand mit dem falschen Fuß aufgestanden‘, dachte sich Marie beiläufig, maß der Reaktion aber sonst keine Bedeutung zu. Anna und Marie hatten Glück, sie mussten keine zwei Minuten auf die U-Bahn warten, die sie zurück zum Hostel bringen würde. Doch als sie dort angekommen waren, vibrierte Maries Handy erneut. Noch eine Nachricht von Fabi:

Wir sind da wo seid
ihr 😀 :*

Marie grinste in sich hinein, als sie den Kusssmiley sah. Fabi war zwar ihr bester Freund und sie hatte schon öfter Kusssmileys von ihm bekommen, aber sie hatte das Gefühl, dass der hier eine komplett andere Bedeutung hatte, als die früheren. Anna schien ihr Grinsen zu bemerken. „Was?“, fragte sie neugierig und streckte ihren Hals, um die Nachricht lesen zu können. Marie drehte ihr Handy beiläufig zu Seite. „Nichts“; sagte sie unschuldig grinsend und fügte dann hinzu: „Nur, dass die Jungs wohl schon am Bahnhof sind. Wir haben sie verpasst.“. Anna ließ ein genervtes Stöhnen hören. „Dann geht’s jetzt wohl wieder zurück?“, beschloss sie und Marie nickte zustimmend.
Als sie endlich wieder am Bahnhof angekommen waren, begrüßten sie die Jungs mit einem breiten Grinsen. „Da seid ihr ja! Und ich dachte, wir während spät dran gewesen.“, neckte Sebi sie und zu Maries Überraschung schlenderte er gezielt auf Anna zu und Umarmte sie zur Begrüßung. War zwischen den beiden etwa auch etwas gelaufen? Soweit Marie wusste, lief die Beziehung zwischen Anna und Maxi perfekt. Ihr fiel eigentlich keinen Grund ein, weshalb Anna etwas mit Sebi anfangen sollte. Ihre eigenen Gründe für das, was zwischen ihr und Fabi war, waren zwar auch nicht gerade die Besten, aber sie hatte immerhin die komplette Woche in Berlin kein Wort von Lewi gehört. Außerdem kannte sie Fabi wirklich gut und sie waren schon lange gut befreundet gewesen. Anna hatte ihr doch erzählt, sie habe Sebi bis vor Berlin gar nicht gekannt?! Aber naja, Marie würde sich jedenfalls nicht einmischen. Sie mochte Sebi und Anna würde schon wissen was sie tat.
Was Maxi jedoch anging, so hatte die vielleicht sogar das Gefühl, dass er sie gar nicht leiden konnte, also würde es für ihre Freundschaft mit Anna wahrscheinlich sogar einfacher sein, wenn sie etwas mit Sebi anfing. Aber wahrscheinlich interpretierte sie viel zu viel in diese Umarmung hinein.
Fabi stellte sich unauffällig neben sie und raunte ihr plötzlich ins Ohr: „Meinst du da läuft was?“. Mit einer Kopfbewegung deutete er auf Anna und Sebi. Marie zuckte mit den Schultern. „Genau das hab ich mich auch gerade gefragt.“, stellte sie leise fest. Dann schaute sie zu ihm auf und er bedachte sie mit einem Blick, den sie noch nie zuvor an ihm gesehen hatte. Er lächelte sie an und schaute ihr dabei so tief in die Augen, dass es in Maries Bauch heftig zu kribbeln anfing. In den letzten zwei Tagen hatte sie so viel zwischen ihnen geändert! Den Küssen Donnerstagnacht waren mittlerweile noch zahlreiche weitere gefolgt.
Am Freitag Morgen hatten Marie unglaubliche Schuldgefühle geplagt. Sie hatte Angst gehabt, dass Lewi ihr genau an diesem Tag eine atemberaubende Entschuldigung schreiben würde, so als hätte er geahnt, was zwischen ihr und Fabi passiert war. Schuldbewusst bemerkte sie, dass sie fast erleichtert über das Ausbleiben einer solchen Entschuldigung war. Das machte sie Situation um einiges einfacher. Sie wusste zwar noch immer nicht genau, was sie mit Lewi und Fabi anfangen sollte, aber falls es soweit kommen würde, dass sie mit Lewi Schluss machen wollte, könnte sie den Streit immerhin als Grund nennen.

Gestern Mittag hatte die Gruppe ein wenig Freizeit bekommen und Marie und Fabi hatten sich unter einem belanglosen Vorwand von der Gruppe entfernen können. Als keiner von ihnen mehr in Sichtweise gewesen war, hatte Fabi Maries Hand gehalten und ihr ins Ohr geflüstert, wie wunderschön er die letzte Nacht gefunden hatte und wie gern er sie hatte. Maries Herz hatte unglaublich gerast. Sie hatte ganz vergessen gehabt, wie aufregend es sein konnte, frisch verliebt zu sein. Den ganzen Tag über hatten die beiden immer wieder Ausreden gefunden, ein Stück hinter den anderen zurück zu bleiben, um sich heimlich küssen zu können. Marie hatte durch die ganze Aufregung sogar vergessen, dass zu Hause Lewi auf sie wartete. Sie war so glücklich gewesen, wie sie seit Langem nicht mehr und konnte den Gedanken nicht ertragen, dass dieses Glück nun schon wieder ein Ende hatte.
„Du musst doch sicher nochmal aufs Klo, bevor wir los fahren, oder?“, raunte Fabi ihr kaum hörbar ins Ohr und sie sah, wie ein schelmisches Grinsen über sein Gesicht huschte. Kaum merklich nickte sie und teilte den anderen mit, sie würde noch einmal kurz nach einer Toilette suchen. Keine Minute später folgte ihr Fabi auch schon. Marie wartete hinter der Ecke, die zu den Toiletten führten und als Fabi an ihr vorbei lief zog sie ihn an sich. Es folgte ein leidenschaftlicher Kuss und alle Sorgen waren für einen Moment vergessen. Obwohl der erste Kuss zwischen ihnen nicht sonderlich gut gewesen war, waren die darauf folgenden umso besser gewesen. „Marie, was machst du nur mit mir?“, stöhnte Fabi leise an ihrem Ohr. Dies war wieder einer der Momente, in denen Marie nicht recht daran glauben konnte, dass Fabi, der unglaublich gut aussehende, große, starke Fabi, hier mit ihr stand, sie küsste, und sie scheinbar wirklich gern zu haben schien.
Plötzlich spürte sie, wie ihr Handy in ihrer Tasche vibrierte. Langsam schob sie Fabi von sich, sie brauchte nicht auf ihr Handy zu schauen, um zu wissen, von wem die Nachricht war. Das war mal wieder diese Sache mit dem Schicksal. Es erlaubte einem einfach nicht glücklich zu sein.

Schatz, du glaubst nicht wie unglaublich
Leid mir das alles tut! Das war die
schlimmste Woche in meinem Leben.
Ich weiß, ich hätte das mit Vic nicht machen
sollen. Egal, was ich jetzt schreib das reicht gar
nicht als Entschuldigung… ich hol dich heute Abend
am Bahnhof ab, okay? Dann können wir in Ruhe
reden.
Ich liebe dich ❤

21 – Anna

Was bisher geschah: Anna und Marie, die eigentlich beide einen Freund zu Hause haben, verbrachten die letzten drei Nächte der Berlin Stufenfahrt bei Sebi und Fabi im Bett. Fabi und Marie waren beste Freund, doch seit seinem Liebesgeständnis und dem darauf folgenden Kuss, ist sich auch Marie ihrer Gefühle für Fabi nicht mehr sicher. Anna, die Sebi erst seit der Stufenfahrt kennt, kann sich die verwirrende Anziehungskraft zwischen ihnen beiden nicht erklären und ist, seit dem Kuss in der letzten Nacht, von Schuldgefühlen geplagt.

Das schrille Klingeln eines weit entfernten Weckers schlich sich langsam in Annas Träume. Es wurde immer lauter und lauter. Als es schließlich nicht mehr zu ertragen war, gab Anna den Versuch weiter zu schlafen auf und öffnete blinzelnd ihre Augen. Im Zimmer war es gleißend hell und während sie sich gequält nach der Quelle des nervigen Geräusches umschaute, erwachten auch die anderen langsam zum leben.
Erst nachdem Fabi endlich den Wecker ausgeschaltet hatte, realisierte Anna, wo genau sie eigentlich war und erinnerte sich an die Geschehnisse der letzten Nacht. Sie lag dicht an Sebi gekuschelt da und er hatte wie selbstverständlich seinen Arm um sie gelegt. Die Situation kam ihr mittlerweile fast schon vertraut vor, doch als sie Nermin im Bett neben sich liegen sah, spürte sie einen Kloß im Hals.
Er war gestern also ins Zimmer gekommen, als sie schon geschlafen hatten. Hatte er gesehen, wie eng aneinander gekuschelt sie und Sebi geschlafen hatten? Würde er es Maxi erzählen? Sobald sie an ihren Freund dachte, wurde ihr Herz nur noch schwerer und sie versuchte sich aus der Umarmung zu befreien. „Hmmm“, kam brummender Protest von Sebi. „Lass doch noch n bisschen liegen bleiben.“, schlug er grummelnd vor und zog Anna näher an sich heran.
Trotz ihrer Schuldgefühle kam ihr das Angebot ziemlich verlockend vor und sie wollte ihre Augen gerade wieder schießen, da wurde die Zimmertür von außen geöffnet.
Herr Herzog steckte den Kopf ins Zimmer. „Jetzt aber mal raus aus den Federn! Es ist schon Acht und um halb Neun müssen wir los zum Bahnhof. Das Frühstück können die Herren sich heute abschminken.“, erklärte er mit leicht wütender Stimme und zog die Tür wieder zu. Anna atmete erleichtert aus. Sie und Marie hatten sich mehr schlecht als recht unter den Decken versteckt, doch der Lehrer schien nichts bemerkt zu haben.
„Was?“, rief Anna nun erschrocken aus, „Schon Acht?! Dann müssen wir uns aber echt beeilen.“. Sie schwang die Beine aus dem Bett und beeilte sich ihre Kleidungsstücke vom Zimmerboden einzusammeln. Marie tat es ihr nach einigen Sekunden gleich und gemeinsam schlichen sie die Treppen hinunter.
„Wenn uns jetzt jemand sieht, sieht das Ganze ziemlich falsch aus.“, stellte Marie lachend fest und musterte sie beide. Oben im Zimmer hatten sie nicht mehr daran gedacht, sich umzuziehen und so liefen sie nun in viel zu großen Jogginghosen und T-Shirts, ihre Kleider unter den Arm geklemmt, die Eingangshalle entlang. „Haha auf jeden Fall. Hoffentlich sieht uns so keiner.“, stimmte Anna ihr, nun ebenfalls lachend, zu.
Doch gerade als sie in den Frühstückssaal bogen, hielt Anna ihre Freundin erschrocken zurück. „Da sitzt Herr Herzog.“, zischte sie panisch und auch Marie war nun Entsetzen ins Gesicht geschrieben. „Wie sollen wir denn jetzt in unser Zimmer kommen?“, fragte sie verzweifelt, denn der einzige Weg zum anderen Treppenhaus führte direkt durch den Speisesaal.
Anna zuckte ratlos die Schultern. Dann jedoch hatte sie eine Idee. „Was wenn wir, wenn er gerade nich schaut, rüber in die Küche rennen? Der Weg is längst nich so lang und durch die Küche kommt man doch auch in den Flur. Dann müssten wir wenigstens nich direkt an ihm vorbei.“, schlug sie aufgeregt vor und Marie nickte zustimmend. „Wir haben wohl keine andere Wahl.“, entschied sie und die beiden Mädchen warteten gespannt darauf, dass Herr Herzog mal wieder in seine Zeitung schaute.
„Jetzt!“, flüsterte Marie, als der Lehrer endlich seinen Blick abwandte und die beiden durchquerten so schnell sie konnten den Raum bis zu Küchentür. Nachdem sie in der Küche stolpernd zum Stehen gekommen waren, zog Anna Marie hinter sich zur Tür in Richtung Flur.
„Meinst du er hat uns gesehen?“, wollte Marie schwer atmend wissen, während sie sich beeilten, sie Treppen zu ihrem Zimmer hoch zu steigen. „Keine Ahnung, aber selbst wenn, jetzt kann er uns ja schlecht nach Hause schicken, oder?“, antwortete Anna grinsend und Marie stimmte lachend zu.
Im Zimmer angekommen packten sie schleunigst die letzten Reste zusammen und versuchten einigermaßen annehmbar auszusehen. Ina und Chrissi erzählten ihnen von der super Nacht die sie gehabt hatten. Anscheinend waren sie in einen ziemlich coolen Club reingekommen und hatten bis vor einigen Stunden gefeiert.
„Jaja, und am Ende seid ihr nich Mal reingekommen und denkt euch das ganze jetz nur aus, um uns eifersüchtig zu machen.“, lachte Anna und half Chrissi damit, die Betten abzuziehen. „Haha das wär ziemlich traurig.“, stimmte Chrissi lachend ein.
Nachdem die Mädchen das Zimmer in einen annehmbaren Zustand gebracht hatten, schnappten sie sich ihr Gepäck und hievten es keuchend die Treppen hinunter. Die meisten anderen Schüler warteten bereits unten auf sie und auch die Lehrer schienen von ihrem späten Erscheinen nicht gerade begeistert zu sein. Während sich Ina und Marie eine Predigt von Herr Herzog anhören mussten, setzte sich die Gruppe langsam in Bewegung.
Annas Handy vibrierte in ihrer Tasche und sie zog es heraus. Eine neue Nachricht von Maxi:

Hey wann kommst du heut abend an?
Ich freu mich schon auf dich :*

Sie musste schlucken. Dann gab sie sich einen Ruck und antwortete:

Wahrscheinlich eher gegen 6 oder 7
Ich mich auuuuch :*

Das Handy wieder in ihrer Tasche verstaut, konnte sie die nagenden Schuldgefühle nicht länger ignorieren. Was hatte sie sich dabei nur gedacht? Sebi zu küssen war wirklich nicht okay gewesen. In einem Bett schlafen und ein bisschen flirten war eine Sache, doch sie und Maxi hatten schon öfter darüber geredet, was Fremdgehen für sie bedeutete und beide waren sich einig gewesen, dass schon ein erwiderter Kuss zu viel war.
Sie konnte nur hoffen, dass Maxi nie davon erfahren würde. Es würde ihm das Herz brechen und vielleicht sogar das Ende ihrer Beziehung bedeuten. Sie wollte ihn nicht verlieren. Ein Leben ohne Maxi war für sie gar nicht mehr vorstellbar. Das Beste würde es wohl sein, so beschloss sie, die Sache einfach zu vergessen und nie wieder ein Wort darüber zu verlieren. Schließlich wussten nur Sebi und sie von dem Kuss und Sebi würde gewiss niemandem davon erzählen, wenn sie ihn darum bat.
Doch nun, da sie an Sebi dachte und daran, dass sie den Kontakt zu ihm vermutlich komplett abbrechen würde müssen, spürte sie einen seltsamen Stich im Herz. Würde er sehr traurig sein, wenn sie ihm ihre Entscheidung mitteilte? Würde sie das Geschehene wirklich einfach so vergessen können?
All diese Fragen, auf die sie keine Antwort hatte, machten sie verrückt. Sie war sich überhaupt nicht mehr sicher, was sie überhaupt wollte. Eigentlich wollte sie keinen der beiden verlieren oder verletzen. Doch dies war keine Option, bemerkte sie schmerzlich. Sie würde sich für einen von beiden entscheiden müssen und der andere würde verletzt werden.
Für wen sie sich entscheiden würde, war eigentlich offensichtlich. Maxi! Er war, da war Anna fest davon überzeugt, die Liebe ihres Lebens und um nichts in der Welt würde sie ihn verlieren wollen. Doch Sebi und die Erlebnisse in Berlin einfach so hinter sich zu lassen, würde nicht leicht werden.
Wo war Sebi überhaupt, schoss es ihr plötzlich durch den Kopf und sie blickte sich suchend um. Keiner der Jungs war zu sehen.
Schnell ging sie hinüber zu Marie, Chrissi und Ina, die gerade den Lehrern in die U-Bahn folgten und fragte verwirrt: „Sagt mal, habt ihr die Jungs gesehen?“. Die drei Mädchen schienen nun nicht minder verwirrt als Anna selbst und schauten sich panisch um. „Ich kann mich gar nich erinnern, dass sie überhaupt runter gekommen sind.“, stellte Marie besorgt fest und wollte gerade wieder auf den Bahnsteig trete, als sich die Türen auch schon schlossen und die Bahn sich in Bewegung setzte.
„Schnell, wir müssen zu den Lehrern. Wenn sie wirklich nich mit gekommen sind, müssen wir sie irgendwie erreichen!“, rief Anna und die Mädchen bahnten sich eilig einen Weg zu den Lehrern am anderen Ende des Wagons.
„Wir glauben die Jungs sind nich mitgekommen!“, stellte Chrissi keuchend fest und erntete verwirrte Blicke. „Nermin, Oli, Wolfram, Sebi und Fabi aus dem obersten Jungszimmer!“, versuchte Anna, die Situation zu erläutern, „Wir können sie nirgends finden. Haben sie sie schon gesehen? Sonst müssen wir sie irgendwie anrufen und sagen, sie sollen nachkommen.“.
Nun begriffen auch die Lehrer den Ernst der Lage. Keiner von ihnen hatte einen der Jungen auf dem Weg zur U-Bahn Station gesehen und es brach eine hektische Diskussion aus, was nun passieren sollte.

20 – Anna

Die Museumsführung entpuppte sich als erstaunlich interessant, da es sich bei der Ausstellung um moderne Kunst handelte und die Führerin selbst noch relativ jung war. Anna ließ sich spaßeshalber vor einem, die ganze Wand bedeckendem, Camouflage Bild fotografieren, da ihre Hose perfekt zum Bild passte und Chrissi grübelte beim Hinausgehen immer noch über die Frage nach, ob die alte Dame in der Mitte des Ausstellungsraums nun aus Wachs oder eine unglaublich gute Schauspielerin war.
„Ich schwöre euch, sie hat geblinzelt!“, verkündete sie überzeugt, als die Gruppe gerade in die U-Bahn Richtung Hostel stieg und Anna verdrehte lachend die Augen. Noch bevor einer Chrissi widersprechen konnte, erhob Herr Herzog auch schon das Wort und verkündete: „Da dies heute der letzter Abend ist, steht ein gemeinsames Abendessen auf dem Plan. Am Besten nutzen sie alle die restliche Zeit, um schon mal ihre Koffer zu packen, denn morgen früh werden sie dafür sicher keine Zeit mehr haben. Wir versammeln uns dann um sechs Uhr vor dem Hostel und fahren zusammen zum Restaurant.“.
„Mir is gar nich aufgefallen, dass wir morgen schon wieder fahren.“, bemerkte Anna überrascht und ihren Freunden schien es nicht anders zu gehen. „Heute Abend müssen wir unbedingt was richtig cooles machen!“, verkündete Chrissi vorfreudig und es folgte zustimmendes Gemurmel. „Wie wär’s, wenn wir feiern gehen? Wir waren noch nie wirklich feiern hier.“, schlug Ina vor und Anna zog ihr Handy aus der Tasche, um das Internet nach guten Clubs zu durchforsten.
Sie hatte eine neue Nachricht von Maxi und begann sie mit rasendem Herzen zu lesen:

Ja is schon okay ich vertrau dir ja 😉
Nermin hat schon gesagt, dass sie noch n freies Bett haben.
Aber seid wann hast du wieder was mit Marie zu tun?

Als sie geendet hatte viel Anna ein Stein vom Herzen. Zwar hatte Maxi wohl nicht verstanden, dass sie sich mit Sebi ein Bett geteilt hatte, doch dieses Detail kam ihr nebensächlich vor. Alles war wieder im Lot. Sie hatte die Sache geklärt und egal welche Gerüchte Maxi hören würde, er würde die wahre Geschichte von ihr kennen und ihnen keinen Glauben schenken.
Die Frage nach Marie war da schon um einige schwerer zu beantworten. Anna hatte sich nach dem Streit mit Marie vor einigen Jahren sehr bei Maxi über sie ausgelassen und die Tatsache, dass Marie Maxi früher überhaupt nicht hatte ausstehen können, half nicht gerade dabei.
In wenigen Worten schilderte Anna die Entschuldigung Maries und ihre darauffolgende Versöhnung. Dann sendete sie die Nachricht und begann im Internet nach guten Clubs zu suchen.
Als die U-Bahn wenig später an ihrer Zielhaltestelle hielt, war Anna zu einem Schluss gekommen. Unter 18 konnte man feiern in Berlin vergessen! Egal nach was sie suchte, überall wurde von Ausweiskontrolle gesprochen.
„Leute, ich glaub wir können feiern hier echt vergessen!“, teilte sie ihren Freunden die schlechten Neuigkeiten niedergeschlagen mit. „Achwas, das kann nich sein!“, protestierte Chrissi, „Die werden schon nich überall Ausweise kontrollieren.“. Und es entbrannte eine heiße Diskussion darüber, ob sie es darauf ankommen lassen sollten oder nicht.

Wieder auf ihrem Zimmer angekommen, hatten sich zwei Parteien gebildet. Chrissi und Ina, die unbedingt feiern wollten, waren fest entschlossen das Risiko einzugehen. Marie und Anna auf der anderen Seite, zogen einen chilligen Abend unter Freunden vor. Dazu kam, dass Sebi Anna gerade geschrieben und gefragt hatte, ob die und Marie nicht mit ihm und Fabi auf dem Zimmer bleiben und gemütlich was Trinken wollte.
Marie schien die selbe Nachricht erhalten zu haben, denn sie verkündete nun entschieden: „Also ihr könnt ja feiern gehen, wenn ihr wollt, aber ich werd denk ich hierbleiben. Ich mein, is doch echt blöd zu nem Club zu fahren und dann nich reinzukommen.“. Anna nickte zustimmend und fügte dann hinzu: „Ja, find ich auch. Aber ihr könnt ja trotzdem gehen.“. Marie hatte ihrer Meinung nach völlig Recht. Sich jetzt hübsch zu machen und voller Erwartungen zu einem Club zu fahren, nur um dann nicht reingelassen zu werden, kam ihr nicht sonderlich vielversprechend vor.
Und auch, wenn der Gedanke an eine Art Doppeldate mit Sebi, Marie und Fabi sie ziemlich nervös machte, war da auch eine gewisse Vorfreude. Außerdem war sie viel zu neugierig, um sich eine Chance entgehen zu lassen, herauszufinden, was da zwischen den beiden lief. Ihr war aufgefallen, dass Marie und Fabi im Museum ständig verschwunden waren und auch so seltsam vertraut wirkten.
„Ja okay, dann machen wir’s eben so.“, stimmte Chrissi leicht enttäuscht zu und die vier Mädchen begannen nachdenklich damit ihre Koffer zu packen. Anna kam die Vorstellung, morgen schon wieder im Zug nach Hause zu sitzen, unglaublich irreal vor. Sie hatte sich die letzten Tage wirklich eingelebt und an die ständige Gesellschaft ihrer Freunde oder Sebi und Fabi gewöhnt. Es schmerzte tatsächlich ein Wenig, wenn sie an die Abfahrt dachte. Die Zeit in Berlin war so unbeschwert und sorgenfrei gewesen. Nie hatte man sich über irgendetwas Sorgen machen müssen.
Es kam ihr vor wie das Ende der Sommerferien, nachdem das wahre Leben wieder weiterging und das einzige, was einem aus der Zeit blieb, die Erinnerungen waren. Doch sie wurde das Gefühl nicht los, dass sich nach Berlin einiges ändern würde. Schließlich hatte sie neue Freunde gefunden und zum ersten Mal in ihrem Leben gekifft. So etwas veränderte einen. Sie hatte plötzlich so gar keine Lust mehr auf ihr altes, langweiliges Leben und nahm sich fest vor, ein wenig Aktion reinzubringen.
Entschlossen, den letzten Abend noch einmal so richtig zu genießen, schrieb sie Sebi eine Nachricht, in der sie für sich und Marie zusagte. Dann packte sie die letzten Kleidungsstücke in ihren Koffer und legte sich ein bequemes Outfit für die morgige Zugfahrt raus.
„Leute, es is schon viertel vor Sechs und wir wollten doch vor dem Essen noch was mit den Jungs rauchen!“, stellte sie, nach einem prüfenden Blick auf die Uhr, fest und die Mädchen schnappten sich eilig ihre Taschen, um hinunter in den Innenhof zu gehen.

Dort angekommen stieg Anna der, ihr mittlerweile all zu vertraute, Duft von Gras in die Nase und sie konnte nicht umhin zu bemerken, dass es wesentlich intensiver roch als sonst. Nermin, Sebi und Fabi standen in einer Ecke des Innenhofs und hießen sie mit breit grinsenden Gesichtern willkommen. „Okaaay, eure Augen sind verdammt rot! Wie viel habt ihr denn schon geraucht?“, wollte Marie kichernd wissen und Anna musste ihr Recht geben. Die Augen der Jungen waren knall rot und sie schienen unglaublich high zu sein.
„Wir rauchen hier grad den zweiten Blunt.“, informierte Fabi die Neuankömmlinge mit zufriedenem Lächeln und Nermin meinte nur: „Also wenn ihr mitrauchen wollt, müsst ihr euch beeilen.“. Marie, Anna und Chrissi ließen sich das nicht zwei Mal sagen, doch Ina zögerte und fragte schließlich etwas kleinlaut: „Ähm… Was ist ein Blunt?“. Sebi schnaubte genervt und erwiderte hart: „Mensch Mädel, was weißt du eigentlich?“. Doch Nermin kam ihr zu Hilfe und erklärte: „Da is kein Tabak drin. Also ist es pures Dope.“.
Ina schien nicht gerade erfreut über die Nachricht und entschied sich dafür, nicht mitzurauchen.
Als Sebi die Tüte an Anna reichte, nahm diese sie respektvoll entgegen und zog vorsichtig dran. Zu ihrer Überraschung war es besser als sie erwartet hatte. Der Blunt schmeckte nach purem Gras und es kratzte überhaupt nicht im Hals, da kein Tabak dabei war. Motiviert nahm sie noch zwei weitere Züge und gab ihn an Marie, der es ebenfalls gut zu schmecken schien.
Nachdem der Joint zu Ende geraucht war, gesellte sich die Gruppe zu den anderen Schülern vor dem Hosteleingang. Kurz darauf brachen sie in Richtung Restaurant auf.

Es handelte sich nicht wirklich um ein Restaurant, sondern eher um eine größere Dönerbude mit Tischen und keiner der Jugendlichen hatte Schwierigkeiten etwas zu finden. Leider hatten Chrissi, Ina, Marie, Nermin, Sebi, Fabi und Anna das Glück, sich mit den Lehrern einen Tisch zu teilen. Anna hoffte inständig, sie würden nicht bemerken, wie high die Jungs waren und versuchte sich möglichst unauffällig zu verhalten.
„Sag mal Anna“, fing Marie neben ihr leise an zu sprechen: „Waren da in der Bahn eben wirklich Musiker, oder hab ich mir das eingebildet?“. Sie schien sich ernsthaft Sorgen zu machen und Anna konnte sich ein Lachen nicht verkneifen. Dann antwortete sie, noch immer grinsend: „Haha, keine Sorge, die waren wirklich da.“ und Marie seufzte erleichtert.
Erstaunlicher Weise bemerkten die Lehrer nichts von ihrem Zustand, oder ließen sich zumindest nichts anmerken, was ein wahres Wunder war. Fabi plapperte unaufhörlich irgendein unverständliches Zeug vor sich her und selbst die Lehrer schienen ihm nicht folgen zu können. Dazu kam, dass er dann plötzlich davon anfing über die gute Musik, die gerade zu laufen schien, zu reden und in Wirklichkeit lief überhaupt keine Musik.
Anna war überaus erleichtert, als das Essen endlich vorbei war und sie den Lehrern entfliehen konnten.

Während Ina und Chrissi sich für ihren Clubbesuch aufbrezelten, tauschten Anna und Marie ihre Jeans in bequeme Leggins und stiegen die Treppen zum Raucherzimmer hinab, wo sie sich mit den Jungen verabredet hatten.
Zu ihrem Glück, war der Raum bis auf Sebi und Fabi leer. Die beiden fläzten in ihren grauen Baggys auf den Sofas und hatten bereits wieder einen Joint im Umlauf.
„Also, ich würd sagen, wir rauchen den hier noch, holen uns dann was zu Trinken und chillen uns aufs Zimmer, oder?“, schlug Fabi vor, nachdem sich die beiden Mädchen zu ihnen gesetzt hatten und Anna entging nicht, wie Fabi fast unmerklich seinen Arm und Maries Hüfte legte. Bei dieser Beobachtung wurde ihr plötzlich auch Sebis Nähe bewusst und sie spürte seine Hand an der Außenseite ihres Schenkels liegen.
Schnell rückte sie ein wenig von ihm ab und nahm dankbar den Joint entgegen, den Marie ihr gerade hinhielt. Nach einem tiefen Zug antwortete sie in Fabis Richtung: „Ja, guter Plan.“ und ein Schweigen legte sich über die Gruppe. Still rauchten sie die Tüte zu Ende und beobachteten das im Fernseher laufenden Musikvideo. Langsam näherte Sebi sich Anna erneut an und dieses Mal ließ sie es zu. Ob es an der zunehmenden Sorglosigkeit, die sich nach dem Kiffen in ihr breitmachte, oder an der ungewohnten Zärtlichkeit, die in seinen Bewegungen zu spüren war, lag, wusste sie nicht.
Ihr ganzer Körper entspannte sich und sie hätte noch ewig lang weiter so da sitzen und Sebis Nähe genießen können, doch Marie sprang plötzlich auf und schrie beinahe: „Ah, wie wollten doch noch was zu Trinken kaufen gehen.“. Daraufhin erhoben sie sich alle und liefen in Richtung Ausgang.
„Was war das denn gerade?“, wollte Anna lachend von Marie wissen, als die Jungen ihnen einige Schritte voraus waren, doch diese zuckte nur die Schultern. Unter normalen Umständen hätte Anna nicht weiter nachgefragt, doch das verschlagene Lächeln auf Maries Mund verriet ihr, dass sie sehr wohl darüber reden wollte.
„Was is da letzte Nacht zwischen euch passiert?“, wollte Anna weiter wissen und ihr fiel ein, dass sie Fabi und Marie in der gestrigen Nacht das Zimmer verlassen gehört hatte. „Ihr seid gestern nochmal runter, oder?“, half sie ihr auf die Sprünge und Marie biss an. „Najaaa, ich weiß auch nich, wir sind nochmal zum Raucherraum und Fabi hat mir irgendwie gesagt, dass er was von mir will.“, erklärte sie mit gequälter Miene, doch Anna entging der schrille, aufgeregte Klang ihrer Stimme nicht.
„Und?“, fragte Anna weiter, „Ist da was gelaufen?“. „Nein.“, quietschte Marie überrascht und fügte dann in ernsterem Ton hinzu: „Ich weiß nur nich, wie ich damit jetz umgehen soll. Und was ich für ihn empfinde. Und was aus Lewi und mir wird.“. Anna nickte verständnisvoll. Marie hatte ja keine Ahnung, wie gut sie ihre Bedenken nachvollziehen konnte.
„Ich glaube, du solltest jetz einfach nix überstürzen und wenn du Lewi wieder siehst, wirst du schon wissen, was du willst.“, versuchte Anna ihr zu helfen und Marie nickte niedergeschlagen. Irgendwie wurde Anna das Gefühl nicht los, dass zwischen den beiden bereits etwas gelaufen war, doch sie sagte nichts mehr. Es war offensichtlich, dass sie darüber noch nicht reden wollte.
Im Supermarkt nebenan entschieden sie sich für Wodka, Multivitaminsaft, Erdbeeren und Sprühsahne. Anna fand die Idee mit der Sahne und den Erdbeeren zwar witzig, doch irgendetwas bei dem Gedanken daran machte sie nervös. Sie bekam dieses Bild nicht aus dem Kopf, wie ein Paar sich erotisch damit fütterte und ihr wurde ganz mulmig zu Mute.

Doch ihre Sorge war unbegründet. Zurück auf dem Zimmer tranken sie ihre Mischen, lachten und sprühten sich gegenseitig Sahne in dem Mund, was alles andere als sexy aussah. Es war ein toller Abend. Alle hatten viel Spaß und es war kein bisschen wie bei einem Doppledate, sondern viel eher wie ein Zusammensitzen alter Freunde. Anna genoss die Zeit richtig und als sie langsam müde wollte, war sie kurz versucht, einfach wieder bei Sebi zu schlafen. Doch dann fiel ihr Maxi wieder ein uns sie fragte Marie nach der Zimmerkarte, da diese ganz offensichtlich wieder bei Fabi schlafen wollte.
„Oh Shit!“, rief sie aus und schlug sich in ihrem angetrunkenen Zustand ein wenig zu übertrieben sie Hände vor den Mund. „Ich hab gar keine mitgenommen.“, gestand sie. Anna suchte in der Hoffnung, vielleicht doch eine dabei zu haben, verzweifel in ihrer Tasche, konnte jedoch keine finden. Als sie wieder aufschaute, bemerkte sie, wie ein verschlagenes Grinsen über Maries Gesicht huschte und sie warf ihr einen bösen Blick zu.
„Komm schon, jetz schlaf halt hier. Es is die letzte Nacht.“, startete Marie einen unschuldigen Überzeugungsversuch, doch Anna blieb hart. „Ich hab Chissi versprochen, heute drüben zu schlafen.“, protestierte sie bockig. Dann sah sie die unverhohlene Enttäuschung auf Sebis Gesicht und ihr Herz wurde schwer. „Is es denn so schlimm, hier zu schlafen?“, wollte er halb traurig, halb hinterlistig wissen und Anna wurde weich.
Sie verdrehte seufzend die Augen. „Also gut.“, gab sie sich geschlagen und nahm dankbar das T-Shirt entgegen, dass Sebi ihr hinreichte. „Immerhin hab ich ne Leggins an.“, meinte sie seufzend und schaltete das Licht aus, um sich ungesehen umziehen zu können.
Wenig später lang sie auch schon wieder neben Sebi im Bett. Die ganze Situation kam ihr mittlerweile seltsam vertraut vor, doch ihr Herz schlug trotzdem wie verrückt. Seit sie sich hingelegt hatte, war ihre Müdigkeit wie weggeblasen. Irgendetwas schien diese Nacht anders zu sein. Eine Spannung lang in der Luft und tief hinten in ihrem Kopf formte sich ein Gedanke. Der Gedanke daran, dass dies die letzte Nacht war und wenn je etwas zwischen ihnen passieren würde, würde es heute sein. Würde es jetzt sein.
Sie lag mit dem Rücken zu Sebi und ihr Kopt ruhte auf seinem ausgestreckten Arm. Den anderen Arm hatte er vorsichtig auf ihre Hüfte gelegt und Anna kam es vor, als würde ihr Haut an dieser Stelle brennen. Zum einen kämpfte sie gegen den Drang an, sich von ihm zu befreien, doch auf der anderen Seite wünschte sie sich, er würde sie fester umarmen. Gerade als sie dachte, ihr Kopf müsse vor lauten Hin und Her zerbersten, rutschte Sebi langsam, aber entschlossen, dichter an sie heran.
Erst konzentrierte Anna sich ganz auf seine Hand, die nun nicht mehr auf ihrer Hüfte lag, sondern sich bestimmt um ihren Bauch gelegt hatte. Doch dann bemerkte sie seine harte Erektion an ihrem Rücken und erstarrte. Eigentlich hätte es sie nicht überraschen sollen, schließlich lag Sebi hier mit einem recht hübschen Mädchen im Bett, aber sie kam trotzdem nicht damit zurecht. Unfähig sich zu bewegen versuchte sie sich so gut es ging zu entspannen und nachdem der erste Schock überwunden war, klappte es auch erstaunlich gut.
Sie hörte seinem gemächlichen Atem zu und spürte, wie er beim Ausatmen ihren Nacken streifte und sich sämtliche Härchen aufstellten. „Heute ist die letzte Nacht.“, stellte er mit rauer Stimme flüsternd fest und Anna nickte. „Ja“, hauchte sie dann zurück und fragte sich, ob wohl auch er den „Jetzt oder nie“ Gedanken hatte. Ohne Vorwarnung breiteten sich Glücksgefühle in ihr aus und sie kuschelte sich ein wenig enger an ihn.
„Ich werd dich neben mir im Bett vermissen.“, raunte er kaum hörbar in ihr Ohr und Anna drehte sich zu ihm um. In der Dunkelheit war fast nichts von seinem Gesicht zu erkenne. Nur schwache Umrisse verrieten ihr, dass er lächelnd zu ihr hinunter sah. „Ich auch.“, nuschelte sie dann verlegen und legte ihren Kopf auf seine nackte Brust. Sie war erstaunlich muskulös und warm, bemerkte sie lächelnd.
„Die letzte Nacht sollte was Besonderes sein.“, beschloss Sebi flüsternd und legte seinen Arm um sie. Dann zog er sie ganz eng an sich heran und gab ihr einen zärtlichen Kuss auf ihr Haar. Alle Zweifel fielen von Anna ab. So geborgen und glücklich hatte sie sich nicht einmal bei Maxi gefühlt. Und noch nie hatte sie ein Kerl so sehr aus dem Konzept gebracht. Von den plötzlichen Gefühlen überwältigt kuschelte sie sich eng an ihn und legte ein Bein über die seinen, um ihm noch näher zu sein.
Sie dachte an nichts anderes mehr als die Berührung seiner Haut und den beschützenden Arm, der sie umschloss. Alles andere schien seltsam fern und unwichtig zu sein. Selbst an Maxi oder mögliche Konsequenzen konnte sie nicht denken, so sehr nahm sie die Situation in Beschlag.
„Kann ich dich was fragen?“, wollte Sebi dann mit rauer, kaum vernehmlicher Stimme wissen und sie schaute zu ihm auf. „Was denn?“, hauchte sie und sah ihm, so gut es in dem schwachen Licht eben ging, in die Augen.
„Darf ich dich küssen?“, kam es fast unhörbar zurück und Annas Herz schien stehen zu bleiben. Sie konnte keinen Gedanken mehr fassen. In ihrem Kopf war nichts als Leere. Sie schaute ihn nur unverwandt an und beobachtete, wie er sich ihr langsam näherte. Es schien eine halbe Ewigkeit zu vergehen, bis seine Lippen endlich auf den ihren lagen und sie erst zärtlich, dann immer leidenschaftlicher küssten.
Anna schien es, als bliebe die Welt stehen und es gebe nichts anderes außer ihre beiden Lippen aufeinander. Der Kuss war atemberaubend. Völlig anders als alles, was sie bisher erlebt hatte und sie brauchte ein paar Sekunden, um sich daran zu gewöhnen, doch dann schien es das natürlichste auf der Welt zu sein.
Nach einer gefühlten Ewigkeit ließ er langsam von ihr ab und schaute ihr prüfend in die Augen. Beide atmeten schwer und schauten einander nur schweigend an. Schließlich ergriff Sebi das Wort. „Ich hab schon lange darauf gewartet, das endlich zu tun.“, flüsterte er glücklich und zog Anna noch enger an sich. Diese nickte nur. Sie war völlig überfordert mit der Situation.
„Was ist jetzt mit Maxi?“, wollte Sebi nachdenklich wissen und Anna zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung.“, seufzte sie und fühlte sich furchtbar. Plötzlich musste sie wieder an Maxi denken und an die Tatsache, dass sie Sebi eigentlich kaum kannte.
Sie war vollkommen verwirrt und versuchte ihre Gedanken zu ordnen. Doch die Nähe zu Sebi, das Geräusch seines wie verrückt hämmernden Herzens und sein unglaublich anziehender Geruch, machten es unmöglich. Sie drehte sich von ihm weg, ohne sich jedoch aus der Umarmung zu befreien und zog die Beine ein wenig an. Ein Gefühl der Hilflosigkeit breitete sich in ihr aus und sie hielt sich Halt suchend an an Sebis Arm fest, auf dem sie lag.
Langsam beruhigte sie sich wieder und war kurz davor einzuschlafen, als sie bemerkte, wie Sebis Hand langsam und zielstrebig ihren Bauch hinunter wanderte. Panisch packte sie die Hand und hinderte sie daran, sich weiter hinunter zu bewegen. „Darf ich nich?“, fragte Sebi zärtlich, doch das war zu viel für Anna. „Nein.“, flüsterte sie bestimmt und fühlte sich plötzlich ziemlich bedrängt. „Okay, ich mach nichts, was du nicht willst.“, flüsterte er zu ihrer Überraschung verständnisvoll zurück und nahm sie wieder in den Arm.
Anna war immer noch wie versteinert, doch die Panik und Bedrängung legten sich langsam wieder. Sie war unglaublich dankbar, dass er nicht nochmal etwas versuchte, doch trotzdem fühlte sie sich elend und verloren. Eine stille Träne der Verzweiflung und Verwirrung rollte ihre Wange hinab und sie kuschelte sich, nach Geborgenheit und Halt suchend, an Sebi.