26 – Anna

Quietschend kam der Zug zum stehen. Noch nie hatte sich Anna weniger auf zu Hause gefreut, denn zu Hause hieß Maxi und Maxi hieß Schuldgefühle.
„Wurde aber auch Zeit.“, stöhnte Sebi neben ihr und erhob sich. Nachdem die beiden ihre Koffer von der Gepäckablage gewuchtet hatten, schlossen sie sich dem Strom Schüler an, die eilig den Zug verließen.
Die Luft draußen war überraschend warm und es dauerte ein Wenig bis sie bemerkte, dass es regnete. Sie beeilte sich auf den Überdachten Teil des Gleises zu kommen. Dort angekommen schaute sie sich suchend nach ihren Freunden um und entdeckte Chrissi, Nermin, Marina und Olli nur ein paar Schritte von sich entfernt.
„Annaaaa“, rief Marina wehleidig auf, als sich ihre Blicke trafen und sie ging mit ausgebreiteten Armen auf sie zu. „Tschüüüssi“, verabschiedete sie sich, während sie Anna fest in die Arme schloss. Anna die die Umarmung freudig erwiderte fügte noch hinzu, dass sie sich ja bald wieder in der Schule sehen würden und setzte ihre Verabschiedungsrunde fort.
Langsam aber sicher leerte sich der Bahnsteig und Anna erblickte schließlich Marie, Sebi und Fabi die schon an der Treppe zum See auf sie warteten. „Komm schon Anna, langsam wird’s nass.“, beschwerte sich Sebi grinsend und Anna setzte sich in Bewegung. „Wann werdet ihr so abgeholt?“, wollte sie nun wissen, damit sie ihrem Vater Bescheid geben konnte.
„Also ich hab Lewi jetzt einfach mal gesagt er soll uns in ner viertel Stunde abholen.“, erklärte Marie an Sebi gewandt und dieser nickte zustimmend. „Okay,“, begann Anna, „Dann werd ich meinem Vater auch sagen dass er mich dann abholen soll.“.
Während sich die Gruppe in Richtung Strand aufmachte, zog Anna nervös ihr iPhone aus der Tasche. Wie erwartet hatte sie fünf Nachrichten und zwei verpasste Anrufe von Maxi, der wissen wollte, wann sie ankommen würde. Ihr Magen zog sich unwohl zusammen. Sie hatten schon vor Tagen ausgemacht, dass er nach ihrer Ankunft noch vorbei kommen und sie begrüßen würde. Wenn sie ihm jetzt absagte, überlegte sie nachdenklich, würde er sicher wissen, dass etwas los war. Doch wie sollte sie ihm nach den ganzen Geschehnissen in Berlin nur in die Augen gucken und sich so benehmen, als sei alles beim Alten?
Egal, damit muss ich mich dann nachher herumschlagen, sagte sie sich und schrieb sowohl Maxi als auch ihrem Vater, dass sie in einer viertel Stunde ankommen würden. Gott sei Dank hatte sie den beiden schon vor Stunden von der großen Verspätung erzählt und so würde es keinen Wundern, dass es noch weitere Verspätung gab.
„Hier is doch gut.“, riss Fabi sie aus ihren Gedanken und die vier Jugendlichen drängten sich unter Maries Regenschirm enger zusammen. „Auf Berlin!“, lachte Sebi und hielt einen fertigen Joint in die Höhe, den er wohl schon im Hostel gedreht haben musste. „Auf Berlin!“, antworteten die anderen im Chor und Sebi zündete die Tüte an.
„Ich hab so gar keine Lust morgen wieder in die Schule zu gehen.“, beschwerte sich Marie und Anna stimmte ihr nickend zu. „Mensch Marie jetzt ruinier‘ doch nicht die Stimmung.“, fuhr Fabi sie scherzhaft an, doch Anna entging nicht, dass zwischen den beiden Spannung herrschte. „Genießen wir einfach unseren letzten Abend Freiheit.“, versuchte Anna die folgende Stille zu umgehen.
„Du hast es erfasst.“, entgegnete Sebi ihr grinsend und hielt ihr den Joint hin.
Sie konnte nicht anders als zurück zu grinsen und aus irgendeinem Grund machten sie seine zustimmenden Worte glücklich. Ein warmes Gefühl breitete sich in ihrer Magengegend aus und sie bemerkte ein weiteres Mal, wie gut er aussah, wenn er so schelmisch und selbstzufrieden grinste. Dann riss sie sich jedoch zusammen, senkte schnell den Blick und streckte ihre Hand nach dem Joint aus.
Nur ganz kurz streiften sich ihre Finger, doch dieser Moment reichte aus um die Wärme in Hitze zu verwandeln und Annas Herzschlag zu beschleunigen. Nein!, versuchte sie sich selbst zu belehren, reiß dich gefälligst zusammen, schon in ein paar Minuten hast du Maxi wieder und die ganze Sache mit Sebi ist nie passiert.
Schnell nahm die einen großen Zug und konnte den Hustenreiz gerade noch so unterdrücken. Das war wohl doch zu viel, schoss es ihr durch den Kopf und beim nächsten Zug war sie deutlich vorsichtiger. Dankbar bemerkte sie, wie ihre Sorgen in den Hintergrund gedrängt wurden und sie sich etwas entspannte.
Gerade als die Tüte erlosch, begann Maries Handy zu klingeln und sie erklärte den anderen, dass Lewi nun da wäre um sie und Sebi abzuholen.
„Dann bis morgen.“, verabschiedete Anna sich von den beiden und umarmte sie zum Abschied, wobei sie kleinlichst darauf bedacht war, ja nicht zu lange in Sebis Armen zu verweilen.
„Lass dann auch mal nach vorne gehen, oder?“, schlug Fabivor, da sie nun nur noch zu zweit waren und Anna nickte zustimmend. Schweigend liefen sie zurück zum Bahnhof und durchquerten die Unterführung zur Stadtseite.
„Da drüben is meine Mutter.“, stellte Fabi unsicher fest und blickte Anna nur fragend an. Diese wusste jedoch selbst nicht so recht worauf er noch wartete und umarmte ihn dann einfach zum Abschied.
„Bis morgen.“, sagte sie, als sie sich voneinander lösten, doch noch immer schien Fabi nicht gehen zu wollen. Dann begann er endlich seine Gedanken auszusprechen. „Ist es okay wenn du allein hier bleibst? Ich kann sonst auch noch mit dir warten.“, erklärte er sein Zögern und Anna lächelte ihn nur kopfschüttelnd an. „Nein, keine Sorge mein Vater muss gleich hier sein.“.
Fabi schien dies zu reichen, denn er drehte sich um und lief zum Auto.
Ein leichter Windstoß ließ sie frösteln und Anna schlang ihre Arme um sich. Immer wieder wanderte ihr Blick auf die goldene Uhr an ihrem Handgelenk, doch die Zeit schien still zu stehen.
Gerade als sie ihren Vater anrufen und fragen wollte, wo er steckte, bog der silberne Audi um die Straßenecke und sie begann ihm freudig entgegen zu laufen.
„Hallooooo, na wie war Berlin.“, wollte er nach einer langen Umarmung wissen und hob ihr Gepäck in den Kofferraum. „Gut.“, antwortete Anna ohne groß darüber nachzudenken, doch ihr Vater ließ nicht locker. Die komplette Fahrt lang löcherte er sie mit Fragen und wollte wissen welche Sehenswürdigkeiten sie besichtigt hatten. Gott sei Dank sind es nur fünf Minuten nach Hause, dachte sie sich erschöpft, als sie endlich in die Einfahrt fuhren.
Während ihr Vater den Koffer holte, lief Anna bereits auf die Eingangstüre zu und klingelte mehrfach. Sie wollte nichts lieber als endlich wieder in ihrem eigenen Bett schlafen.
Nach einigen Sekunden öffnete sich die Tür und ihre Schwester Johanna stand ihr gegenüber. „Na, auch schon wieder da?!“, fragte sie frech grinsend. „War so schön ruhig ohne dich!“, stellte sie spielerisch enttäuscht fest, doch als sie Anna dann herzlich in die Arme schloss, bestätigte sich ihr Verdacht, dass ihre Schwester sie trotzdem vermisst hatte.
„War auch schön ruhig ohne dich, Kleine.“, entgegnete Anna lachend, als sie sich wieder aus der Umarmung befreit hatte. „Ich geh dann mal meine Sachen hochbringen.“, ergänzte sie noch und begann ihr Gepäck die schmale Wendeltreppe hoch und in ihr Zimmer zu tragen.
Kaum war sie im Zimmer angekommen ließ sie sich auch schon erschöpft aufs Bett fallen und schloss die Augen. Keine zwei Minuten später wurde ihre Zimmertüre schon wieder aufgerissen und ein überglücklicher Maxi kam auf sie zugerannt. Eilig zog er sie in eine stürmische Umarmung und küsste sie dann leidenschaftlich.
„Endlich bist du wieder da.“, stellte er euphorisch fest und fügte, sie immer noch fast zerquetschend hinzu: „Ich hab dich wirklich vermisst Süße.“.
„Ich dich auch.“, presste Anna heraus und wand sich aus der festen Umarmung. Manchmal vergaß Maxi einfach wie viel Kraft er durch sein tägliches Training hatte. Alles in dieser Situation fühlte sich falsch an. Zum einen war Maxi ihr so vertraut und sie fühlte sich sicher und geborgen in seinen Armen, doch zum anderen wehrte sich jedes einzelne ihrer Körperteile dagegen auch nur einen Moment länger an ihn gedrückt zu sein.
„Und wie war’s?“, wollte Maxi wissen als sie sich nebeneinander aufs Bett fallen ließen. „Gut.“, antwortete Anna erneut, doch dann fügte sie hinzu: „Wirklich lustig und Marie und ich verstehen uns wieder richtig gut. Sie hat sich für alles entschuldigt und erklärt, dass es wirklich nur an ihrem komischen Freund damals gelegen hat. Was hast du die Woche so gemacht?“.
Maxis Gesicht hatte sich bei der Erwähnung Maries ein wenig verzogen, doch nun begann er Anna von seiner Woche zu erzählen.
„Sag mal, wer ist eigentlich dieser Typ der auf den Berlinbildern auf Facebook drauf ist?“, wollte Maxi plötzlich wissen und Anna schaute ihn fragend an. „Welche meinst du?“, entgegnete sie und Maxi zeigte ihr auf seinem Handy zwei Bilder. Das eine war eine große Gruppe Schüler vor dem Brandenburger Tor und auf dem anderen waren nur Marie, Nermin, Fabi, Sebi und sie zu sehen. Alle fünf sahen ziemlich müde aus.
Anna musste lachen, dann besann sie sich wieder und deutete auf Fabi. „Also dass ist Fabi.“, erklärte sie Maxi, doch dieser meinte nur, dass er nicht Fabi gemeint hatte. „Der andere ist Sebi. Ich wusste vor Berlin nicht mal, dass er existiert, aber Marie meint er wär der kleine Bruder von Lewi und ist bei mir im Englischkurs.“.
„Achso.“, murmelte Maxi besänftigt. „Irgendwie seht ihr euch ähnlich.“, fügte er dann nachdenklich hinzu. „Waaaas?“, rief Anna verwundert aus. „Wie sehen wir uns denn bitte ähnlich?“, wollte sie lachend wissen. „Naja,“, Maxi murmelte ein bisschen vor sich hin, „Ihr habt die selbe Haarfarbe, beide grüne Augen und irgendwie sieht auch die Nase echt ähnlich aus.“, schloss er.
„Als ob?!“, lachte Anna auf und küsste ihn immer noch grinsend auf dem Mund. „Naja immerhin brauch ich mir bei ihm keine Sorgen zu machen. Er is so gar nich dein Typ.“, stellte Maxi fest und Anna nickte zustimmend. „Eben“, versicherte sie ihm, „und außerdem ist er der kleine Bruder von Lewi und über ein halbes Jahr jünger als ich.“.
Maxi schien besänftigt und Anna kuschelte sich nachdenklich an ihn. Wie zur Hölle war Maxi überhaupt auf die Idee gekommen, er müsste sich vielleicht wegen Sebi sorgen machen? Und was tat sie hier eigentlich gerade? Mit jeder kleinen Lüge geriet sie nur tiefer hinein und noch dazu fand sie es ziemlich gemein, so über Sebi zu reden.
Doch ihr Entschluss stand fest. Auch wenn es sicher nicht leicht seien würde, sie musste alles dafür tun damit Maxi nicht erfuhr was in Berlin passiert war. Niemals würde sie ihm sein Herz brechen. Und so verständnisvoll wie Sebi auf der Heimfahrt gewesen war, könnten sie beide vielleicht sogar Freunde bleiben. Irgendwann würden die Schuldgefühle Maxi gegenüber sicherlich schwächer werden und auch ihre kindische Schwärmerei für Sebi würde hoffentlich bald ein Ende haben.
Gerade als Anna diesen Entschluss gefasst hatte, beugte sich Maxi über sie und begann sie leidenschaftlich zu küssen. Erst erwiderte Anna die Küsse, doch als sich Maxi schließlich an dem Verschluss ihrer Hose zu schaffen machte, wehrte sie ab.
„Tut mir Leid.“, murmelte sie bedrückt, „Aber ich bin gerade einfach viel zu müde. Ich will nur noch schlafen.“. Maxi schien enttäuscht, doch als perfekter Freund ließ er natürlich verständnisvoll von ihr ab. „Dann fahr ich mal wieder heim und lass dich schlafen.“, verkündete er mit sanfter Stimme. Langsam erhob er sich und drückte Anna einen zarten Kuss auf den Mund. „Ich liebe dich“, flüsterte er und ging zur Tür. „Ich dich auch.“, rief Anna ihm leise hinterher und sobald Maxi die Tür hinter sich geschlossen hatte, war sie auch schon eingeschlafen.

Werbeanzeigen