27 – Marie

„Da vorne steht sein Auto“, Sebi deutete auf den weißen VW keine 100m von ihnen entfernt und Marie nickte. Ihre Knie zitterten, wenn nicht vor Nervosität dann vor Kälte, es schüttete mittlerweile wie aus Eimern. Mit klappernden Zähnen umarmte sie Anna zum Abschied und wendete sich dann Fabi zu. Sie musste sich auf Zehenspitzen stellen, um ihn zu umarmen. Ohne sich noch einmal um zu drehen eilten sie und Sebi zum Auto. Lewi stieg aus sobald er sie sah. Er lächelte Marie entgegen, auch wenn es ein wenig gezwungen aussah und gab ihr einen flüchtigen Kuss. „Ihr könnt eure Koffer in den Kofferraum machen!“, sagte er und setzte sich wieder ins Auto. Sebi sah Marie stirnrunzelnd an, aber Marie wandte den Kopf ab. Konnte es tatsächlich sein, dass Lewi wusste, was zwischen ihr und Fabi passiert war? Bestimmt hatte Oli ihm alles erzählt. „Komm ich helf dir!“, sagte Sebi und hob Maries Koffer ins Auto. Marie lächelte ihm dankend zu und öffnete zitternd die Beifahrertür. Auf der ganzen Fahrt bis zur Nordstadt sprach keiner von ihnen ein Wort. Trotz des Joints, den sie eben erst geraucht hatten, beschleunigte sich Maries Puls auf eine beunruhigende Geschwindigkeit. Als sie endlich am Haus von Sebi und Lewi ankamen, hielt sie die Spannung die zwischen ihnen im Raum zu stehen schien kaum noch aus. „Tschau Leute und danke fürs Fahren“, sagte Sebi und warf Marie einen leicht besorgten Blick zu. Marie zwang sich zu einem Grinsen, worauf Sebi leicht mit den Schultern zuckte und im Haus verschwand. Marie starrte nervös auf das Handschuhfach vor sich. Lewi machte keine Anstalten wieder los zu fahren, was nicht gerade zu Maries Beruhigung beitrug. Sie zwang sich so locker wie möglich zu Lewi rüber zu schauen. „Schatz?“, ihre Stimme zitterte leicht „Ist irgendwas?“. Endlich schaute Lewi sie an. „Tut mir Leid wegen Victoria.“, murmelte er dann und wirkte tatsächlich betroffen. Marie verspürte plötzlich den Drang laut loszulachen. Aber kein normales Lachen aus Fröhlichkeit, sondern eher ein hsyterisches Lachen. Konnte es sein, dass Lewi ein schlechtes Gewissen plagte wegen Victoria, während sie ihn mit Fabi betrogen hatte und die letzte Woche als eine der besten in Erinnerung hatte, die sie bis jetzt erlebt hatte? Dennoch war sie auch ein wenig erleichtert. Fürs Erste schien Lewi nichts von den Geschehnissen mitbekommen zu haben. Sie konnte nur hoffen, dass dies auch so blieb. Das würde wahrscheinlich davon abhängen, wie viel Oli wusste und ob er vor hatte, Lewi etwas davon zu erzählen. Im Moment war sie einfach froh, dass ihr dieses Unangenehme Gespräch, was offensichtlich in der Luft hing, erst einmal erspart blieb.
Zärtlich legte sie ihre Hand auf seine Wange und küsste ihn. „Ist nicht schlimm. Hättest doch einfach nur früher Bescheid sagen können, dass du was mit ihr machst. Dann hätte ich mich irgendwie drauf einstellen können.“, sie lachte leicht auf und auch er lächelte zögerlich. Dann zog er sie an sich und küsste sie nochmal. Maries Herz fing an wie wild zu klopfen. Sie hatte Lewi wirklich gern. Für einen Moment schien es, als sei die komplette letzte Woche nie geschehen. Doch leider war dieser Moment viel zu schnell wieder vorbei und die Realität, alles was Marie getan hatte, brach noch heftiger über sie herein. Schnell drehte sie sich weg und versuchte den Kloß in ihrem Hals herunter zu schlucken. „Komm, wir müssen los. Meine Eltern warten sicher schon.“. Lewi strich ihr über die Haare und legte den Rückwärtsgang ein.
Maries Eltern begrüßten sie überschwänglich, fast so als wäre sie einen Monat und nicht nur eine Woche weg gewesen. Und wie schon gerade auf der Fahrt von der Nordstadt in die Vorstadt versuchte sie so gut wie möglich die Ereignisse der vergangenen Woche zu schildern, was sich als äußerst schwierig erwies, da sie kaum noch Erinnerungen an die schulischen Exkursionen hatte. Außerdem war sie trotz dem doch eher aufreibenden Abend immer noch ziemlich breit. Nach einer gefühlten Ewigkeit hatten ihre Eltern offensichtlich genug Fragen gestellt und sie konnte sich endlich in ihr Zimmer verkriechen. ‚Jetzt nur noch ins Bett‘, dachte sie vollkommen erschöpft und erschrak fast, als sie Lewi auf ihrem Bett sitzen sah. Sie hatte beinahe vergessen, dass er noch da war. Panik stieg in ihr hoch, was wahrscheinlich auch irgendwie eine Nebenwirkung vom Gras war. Egal wie verwirrt sie war und wie viele Gedanken ihr durch den Kopf gingen, eines wusste sie sicher: Ganz gleich was passierte, sie wollte auf keinen Fall, dass Lewi die Nacht mit ihr verbrachte. Sie konnte ihre Gefühle für Fabi nicht klar definieren, aber sie wusste auf jeden Fall, dass sie Gefühle für ihn hatte. Und Lewi gegenüber kam es ihr furchtbar vor, wenn sie so tun würde, als wäre alles ganz normal. Falls sie tatsächlich in den nächsten Tagen eines dieser unangenehmen Gespräche würden führen müssen, wollte sie auf keinen Fall, dass er vollkommen unvorbereitet darauf war. Außerdem plagte sie ihr schlechtes Gewissen so schrecklich, dass sie überhaupt nicht wusste, wie sie es überhaupt anstellen sollte einen auf ’normal‘ zu machen. „Lewi… Schatz…“, fing sie zögerlich an, „Ich weiß wir haben uns jetzt eine Woche nicht gesehen… aber die letzte Woche war echt super anstrengend. Wir haben eigentlich nicht geschlafen und waren immer den ganzen Tag unterwegs…Wärst du sehr sauer, wenn ich sag ich möchte heute Nacht lieber nochmal alleine schlafen?“. Lewi hatte nichts dagegen und Marie fiel ein riesiger Stein vom Herzen, als sie die Haustür hinter ihm schloss und endlich alleine in ihrem eigenen Bett liegen konnte.

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