1 – Marie

„Was machst du denn hier?“, fragte Marie überrascht, als ihr Freund Lewi vor ihr stand. „Ich hab meinen Bruder weggebracht.“ Er lächelte sie an und küsste sie. „Deinen Bruder?“, Marie schien nicht weniger verwirrt „Redet ihr wieder miteinander?“ „Naja mehr oder weniger. Du weißt ja, das Übliche. Aber er ist immer noch mein Bruder.“ ‚Und lass mich raten‘, dachte Marie, ‚du wolltest nur noch mal her kommen und Oliver anstacheln auf mich aufzupassen‘. Lewi war nämlich fest davon überzeugt, dass Fabian, Maries bester Freund, in sie verliebt sei, was aber absolut nicht der Fall war. Die beiden waren nur Freunde, wie sie ihm immer wieder versicherte, aber Lewi konnte es einfach nicht lassen. Marie legte ihm die Hand auf den Bauch und küsste ihn erneut. Er zog sie enger an sich heran, doch genau in dem Moment fing sein Handy an zu vibrieren. Er holte es aus seiner Tasche, warf einen kurzen Blick darauf und lies es schnell wieder verschwinden. Aber Marie war nicht entgangen, was auf dem aufleuchtenden Display gestanden hatte. „Was will Victoria schon wieder? Ich dachte du hättest ihr gesagt, dass ihr euch nicht mehr treffen könnt? Ich dachte ich könnte dir endlich vertrauen.“ Sie ging ein paar Schritte von ihm weg. Ihr Puls stieg gefährlich hoch, in ihren Ohren rauschte es. Sie fühlte wie sie rot wurde und ihre Augen begannen zu brennen. Victoria und Marie waren einmal beste Freundinnen gewesen. Bis Victoria beschlossen hatte, dass es nun an der Zeit war, Marie auf ihre Abschussliste zu setzen. Das war in der sechsten Klasse gewesen. Doch leider hatte Victoria damals auf die Falsche gesetzt, denn Marie konnte ihre Freundinnen auf ihrer Seite halten. Das Ganze wurde ziemlich unschön für Victoria. Marie und ihre drei besten Freundinnen Marina, Chrissi und Anna gingen durch dick und dünn. Damals.
Victoria hatte nun jedoch, fünf Jahre später, beschlossen Marie erneut das Leben schwer zu machen. Ungefähr zur selben Zeit, als Marie angefangen hatte Lewi zu daten, hatte auch Victoria sich immer häufiger mit ihm getroffen.
Marie war von Anfang an klar, welche Absichten Victoria hatte. Dass sie mit ihrer anfänglichen Vermutung goldrichtig lag, bestätigte sich immer wieder. Victoria fing ständig an zu Lewi zu sagen, er solle sich doch von Marie trennen, da sie hinterhältig, hässlich und noch dazu eine Schlampe sei.
Und erst vor zwei Wochen, als Victoria Lewi zu sich bat und ihm ein Liebesgeständis machte, war sie eindeutig zu weit gegangen. Lewi war, Gott sei Dank, nicht darauf eingegangen und hatte Marie alles davon erzählt. Er hatte ihr versprochen endlich ihrem Wunsch nachzukommen, diese Freundschaft zu beenden. ‚Da sieht man mal, wie viel sein Wort Wert ist.‘, dachte Marie traurig.
Lewi wollte gerade etwas sagen, da kam Oliver auf sie zu. Oliver war Lewis bester Freund. Auch Marie war schon seit einer Ewigkeit gut mit ihm befreundet, doch heute freute sie sich weniger ihn zu sehen.
Ihre schlechte Stimmung lag nicht nur an Lewi und Victoria. Die Stufenfahrt nach Berlin war für sie mehr und mehr zu einem Ereignis geworden, dem sie mit zunehmend negativen Gefühlen entgegen blickte. Zwar ging Fabian auch mit, aber Marie hatte Lewi versprochen, nicht zu viel Zeit mit ihm zu verbringen. Dann war da noch Sebi, Lewis Bruder, mit dem sie sich relativ gut verstand – solange Lewi nicht in der Nähe war – und Oli.
Marie wünschte sich, dass ihre Freundinnen Hannah, Moni und Emily dabei wären, aber sie hatten sich für eine Wandertour durch Island angemeldet, was so absolut gar nicht Maries Ding war. Also musste Marie sich mit ihren – leider ausschließlich männlichen – Raucherfreunden zufrieden geben. Das wäre trotz allem in Ordnung, wenn es da nicht das Zimmer Problem gäbe. Wie auf jeder, von der Schule organisierten, Fahrt gab es eine Geschlechter getrennte Zimmerverteilung. In Maries Zimmer waren Marina, Chrissi und Anna.
Annabel Adams, ihre ehemals beste Freundin.
Wenn ihr früher jemand erzählt hätte, dass Anna und sie vielleicht einmal keine Freunde mehr sein würden, wäre sie vermutlich vor Lachen tot umgefallen. Sie und Anna waren unzertrennlich gewesen.
Die schöne, große Anna Adams, mit ihren langen blonden Haaren, die ihr in leichten Wellen über die Schultern fielen und die nicht ganz so große Marie mit den unruhigen braunen Locken, hatten ein wunderschönes Bild zusammen abgegeben. Sie hatten sich alles erzählt und niemand konnte jemals zwischen sie geraten.
Doch dann kam Marvin. Marvin Maiermann war ein älterer Schüler der Lakeside-High gewesen und Ende der achten Klasse hatte sich Marie in ihn verliebt und sie waren zusammen gekommen. Er war damals schon im Abschlussjahrgang gewesen und die naive Marie hatte seinen Worten einfach nicht widerstehen können. Quasi über Nacht hatte sie sich in einen komplett anderen Menschen verwandelt. Sie hatte begonnen, die selben schlauen Wörter eines Abiturienten zu verwenden und sich unglaublich erwachsen gefühlt. Zwischen dem ganzen Knutschen und dem bald darauf folgenden Sex hatte sie kaum noch Zeit für Anna, Chrissi oder Ina gehabt. Außerdem hatte Marvin ihre Freundinnen sowieso kindisch gefunden und es nicht gern gesehen, wenn Marie sich mit ihnen getroffen hatte. Sie sei intellektuell viel weiter, hatte er ihr immer wieder gesagt, sie solle sich nicht mit solchen einfachen Mädchen abgeben. Marie hatte jedes dieser Worte aufgesaugt.
Erst viel zu spät hatte sie gemerkt, was für ein neurotisches Arschloch ihr Marvin gewesen war. Wenn sie jetzt an diese Zeit zurückdachte, wurde ihr immer leicht übel und ihre Handflächen begannen zu jucken. Sie schämte sich so sehr, dass sie, auch nachdem Schluss gewesen war, kaum noch mit Chrissi, Anna oder Ina gesprochen hatte. Sie hatte ihre Freundinnen einfach im Stich gelassen. Hatte Gedacht, sie sei etwas Besseres. Sie fühlte sich schuldig und sie wusste, dass nichts was sie jemals sagen würde, dieser Sache gerecht werden könnte.
Und genau deshalb, stellte sie die ganze Stufenfahrt vor eine Klippe, die sie wohl einfach so hinabstürzen würde.
„So, hört mal alle her! Wir gehen jetzt alle auf Gleis fünf. Alle auf Gleis fünf. Unser Zug kommt gleich.“, das war Herr Herzog, einer der Lehrer, der die Stufenfahrt begleiteten. Die Gruppe setzte sich brav in Bewegung.
Lewi hielt Marie zurück. „Ich liebe dich“, sagte er. Er wollte sie küssen, doch sie drehte sich weg. „Mach nichts mit Victoria.“ Marie schaute ihm in die Augen. Er wich ihrem Blick aus. „Marc-Leon. Bitte mach nichts mit Victoria. Versprich mir das!“. Er nickte. „Okay“, sagte er. Er küsste sie auf die Nase und sie ging eilig davon, ihrer Gruppe hinterher.
Im Zug ließ sie sich müde auf einen Platz neben Oli fallen.

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