2 – Anna

Das Rattern des Zuges übertönte fast ihre Musik. Wieso hatten sich ihre Freunde auch ausgerechnet am gestrigen Abend so betrunken? Mit ihnen war offensichtlich auf der kompletten neunstündigen Zugfahrt nichts anzufangen.
Annabelle schaute nun schon seit einer Stunde aus dem Zugfenster und hörte ihre neue Playlist rauf und runter. Wenn das so weiter gehen würde, das war ihr jetzt schon klar, würde sie die Lieder bereits nach zwei Tagen nicht mehr hören können – geschweige denn die ganze Stufenfahrt lang. Dabei hatte sie sich doch so auf Berlin gefreut. Endlich mal eine Auszeit von Maxi und dem langweiligen Alltag.
Eigentlich konnte sie sich über Maxi gar nicht beschweren. Er war der perfekte Freund. Schon zwei Jahre waren sie jetzt zusammen und alles lief blendend. Noch nie hatten sie wirklich gestritten und er würde alles für sie tun. Trotzdem wurde Annabelle das Gefühl nicht los, etwas zu verpassen. Nicht, dass Maxi ihr nicht reichte oder sie mit ihm unglücklich war, aber er war ihr erster fester Freund und redete jetzt schon übers Heiraten.
Woher sollte sie überhaupt wissen, dass er der Richtige war, wenn sie doch gar nichts Anderes kannte? Noch nie auch nur einen Anderen geküsst hatte? Sie wusste, dass solche Gedanken falsch und unfair waren, aber sie konnte einfach nichts dagegen machen. Egal, was sie versuchte sich einzureden, immer schlichen sich die Bedenken und Zweifel in ihren Kopf zurück.
Wieso konnte sie die Beziehung nicht einfach für ein, zwei Jahre einfrieren, sich austoben und danach wieder auftauen und weitermachen, als wäre nichts gewesen? Sie kam sich jetzt schon manchmal wie ein verheiratetes Ehepaar vor. Es war zwar nicht direkt langweilig, aber doch irgendwie eintönig geworden. Das Singleleben kam ihr wesentlich spannender und aufregender vor. Wie oft hatte sie sich schon gewünscht, mal ein bisschen mehr Action in ihrem Leben zu haben? Es musste ja nicht gleich ein Leben wie aus einer ihrer vielen Lieblingsserien sein, aber ein aufregender Flirt oder irgendwelche oberflächlichen Probleme wären mal eine schöne Abwechslung.
Ihr Leben war immer so verlaufen, wie geplant. Nie hatte sie Probleme in der Schule gehabt und gehörte sogar zu einer der Besten in ihrem Jahrgang. Und das, ohne dass sie viel dafür tun musste. Auch in ihrer Familie schien alles perfekt. Ihre Eltern waren glücklich verheiratet, es gab nie größere Unstimmigkeiten. Sogar mit ihrer kleinen Schwester kam sie so gut aus, wie man es bei Schwestern eben erwarten konnte. Ein bisschen mehr Spannung in ihrem Leben kam ihr daher absolut nicht zu viel verlangt vor.
„Liebe Passagiere, es tut uns Leid ihnen mitteilen zu müssen, dass unser Zug leider weitere zehn Minuten Verspätung hat. Die gesamte Verspätung beträgt nun circa 25 Minuten“ , hallte die blecherne Stimme des Zugführers aus den Lautsprechern. Anna schrak jäh aus ihren Gedanken. Ein allgemeines Seufzen und Stöhnen war zu vernehmen. Sie zog ihre Ohrstöpsel aus den Ohren und drehte sich mit genervtem Gesichtsausdruck zu ihren Freunden.
Nermin und Marina saßen ihr gegenüber und zu ihrer Linken am Gangplatz saß Chrissi, ihre beste Freundin. Chrissi hielt sich stöhnend den Kopf und sagte dann mit gequälter Stimme zu Nermin: „Wieso haben wir die letzten zwei Flaschen Wein gestern nicht einfach zu gelassen?“. Dieser schüttelte nur matt den Kopf und schloss dann wieder die Augen.
„Selbst Schuld, wenn ihr euch auch ohne mich so abschießen müsst.“, erwiderte Anna und schaute mit spielerisch bösem Blick in die Runde. Chrissi sah sie müde an und bemerkte dann mit anklagender Stimme: „Du hättest ja gerne mitmachen können, aber nein Madame wird ja direkt vor Berlin krank. Wie lange darfst du wegen dem Antibiotika jetzt eigentlich keinen Alkohol trinken?“, Anna verdrehte genervt die Augen. Das war so typisch für sie, ausgerechnet die Woche vor der Stufenfahrt eine Mandelentzündung zu bekommen. Sie seufzte, „Noch drei Tage, aber ich denk‘ mal ein Tag früher ist jetzt auch nicht so dramatisch. Ich hab mir gedacht einfach die ersten zwei Abende nichts zu trinken und dann hör ich einfach schon einen Tag früher mit den Antibiotika auf.“, erklärte sie. Chrissi nickte nur zustimmend und schloss ebenfalls wieder die Augen.
Marina sah sie aufmunternd an. „Ach komm schon, man kann auch ohne Alkohol Spaß haben. Ich werde auch nich so viel trinken, denk ich.“, versuchte sie sie aufzumuntern. Marina war bei dem Besäufnis gestern auch nicht dabei gewesen. Ihre Eltern waren verhältnismäßig streng und sie hatte schon vor einiger Zeit aufgehört, sich dagegen zu wehren. „Ja toll, du bist dann ja sowieso auch jeden zweiten Abend bei deinen Freunden.“, erwiderte Anna. Und das stimmte, denn Ina hatte durch ihre „Gemeinde“, wie sie es immer nannte, viele Freunde in Berlin, welche sie jetzt unbedingt alle während der Stufenfahrt besuchen musste. Sie hatte sogar schon mit den begleitenden Lehrern geredet und sich deren Erlaubnis geholt.
„Ach was, ich treff‘ mich vielleicht einmal mit Sarah und einmal mit Max. Wenn es klappt noch mit Henry, aber da ist noch nichts sicher. Ich werd‘ also trotzdem noch viel Zeit mit euch haben.“, versuchte Ina sich zu rechtfertigen, doch für Anna bestätigte sich nur ihre Vermutung. Sie würde Ina, außerhalb der von den Lehrern geplanten Aktivitäten, kaum zu Gesicht bekommen, also ließ sie das Thema fallen.
„Wie denkst du, wird es mit Marie im Zimmer laufen?“, fragte sie stattdessen. Ina zuckte mit den Schultern, „Hmm ich denk‘ nicht, dass es irgendwie komisch wird. Wir waren früher alle gut befreundet und wir haben in letzter Zeit auch wieder mehr miteinander gemacht.“.
Anna war sich da nicht so sicher. Zwar waren sie, Chrissi, Ina und Marie in der 8. Klasse mal unzertrennlich gewesen, doch als Marie dann plötzlich diesen komischen, älteren Freund hatte, hatten sie sich auseinander gelebt. Die letzten drei Jahre hatten sie so gut wie kein Wort mehr miteinander gesprochen. Sie hatte andere Freunde gefunden und war jetzt nur bei ihnen im Zimmer, da die auf eine andere Stufenfahrt gefahren waren. Ina hatte davon Wind bekommen, sie hatte in letzter Zeit wieder mehr Kontakt zu Marie. Weil noch ein Platz in ihrem Zimmer frei war, hatte sie ihr angeboten, zu ihnen zu kommen.
Anna verzog das Gesicht und erwiderte skeptisch: „Naja, wenn du meinst. Ich hab halt schon ewig nichts mehr mit ihr zu tun gehabt. Wahrscheinlich wird sie eh nur bei uns schlafen und ansonsten was mit den Jungs aus’m Rauchereck machen.“. „Ja, kann sein.“, meinte Ina recht gleichgültig und steckte sich die Ohrstöpsel wieder in die Ohren.
Anna tat es ihr nach einem genervten Augenverdrehen gleich. Innerlich hätte sie kotzen können. Wie konnten alle nur immer stundenlang Musik hören? Wurde es ihnen denn nie zu langweilig?
Nun ja, da konnte man wohl nichts gegen tun. Sie blickte auf die Uhr. Immerhin würden sie in circa 20 Minuten in Ulm ankommen und dort umsteigen. Vielleicht würden ihre Freunde ja dann ein wenig wacher und gesprächiger sein.

Werbeanzeigen