3 – Marie

„Hey, aufwachen!“ Oli bohrte seinen Finger in Maries Seite, woraufhin sie erschreckt zusammen fuhr. „Wir sind in 20 Minuten in Ulm.“ „Okay“, murmelte Marie und lächelte ihn müde an. Sie mochte Oli wirklich, aber manchmal war er ihr auf eine seltsame Art und Weise zu aufdringlich. Er war bärtig und leicht übergewichtig. Im Großen und Ganzen erinnerte er irgendwie an den ekligen Typen aus Hangover. Marie konnte sich wirklich etwas Besseres vorstellen, als die komplette Woche in Berlin allein mit Oli zu verbringen.
Als sie in Ulm ankamen, wartete schon die nächste schlechte Nachricht auf sie. Da der Zug in Richtung Ulm mit 25 Minuten Verspätung angekommen war, hatten sie den Anschlusszug verpasst. „Bitte bleiben sie alle zusammen!“, ertönte die durchdringende Stimme von Herr Herzog. „Der nächste Zug fährt in 35 Minuten.“
Marie zündete sich eine Zigarette an und hielt etwas Abstand zur Gruppe. Sie wollte Lewi anrufen und sich bei ihm entschuldigen. Vielleicht hatte sie ja doch etwas überreagiert. Sie hatte eigentlich keine Lust darauf, dass dieses Missverständnis die ganze Woche zwischen ihnen stehen würde.
Es dauerte eine Weile, bis Lewi ans Handy ging. „Marie? Was ist denn los?“ „Nichts, Schatz. Ich wollte mich nur wegen vorher…“, sie brach mitten im Satz ab, da im Hintergrund undefinierbare Geräusche zu hören waren. „Lewi? Alles gut bei dir?“ „Ja Schatz…“, er erzählte ihr irgendetwas, aber sie hörte nicht mehr richtig zu.
Es klang, als würde jemand etwas braten. „Bist du am Kochen?“, unterbrach sie ihn.
„Nein. Wie kommst du…“
„Leewiiii, willst du mit oder ohne Sirup?“, tönte plötzlich eine zuckersüße Stimme aus dem Hintergrund. Marie wusste sofort, wessen Stimme das war! Wut und Enttäuschung stiegen in ihr hoch.
„Dein Ernst?“, war das Einzige was sie noch heraus brachte, bevor ihre Stimme versagte. Ohne auf seine Reaktion zu warten, legte sie auf. Marie wusste nicht, was sie tun sollte. Da war sie zwei Sekunden aus der Stadt und sofort traf sich Lewi mit Victoria. Verzweifelt setzte sie sich auf ihren Koffer und versuchte, das Brennen in ihren Augen zu ignorieren. Wieso tat er ihr das an? Er wusste doch, wie sehr es sie immer wieder fertig machte, wenn er sich mit dieser Schlampe traf. Warum nahm er keine Rücksicht? Er verbat ihr, sich mit Fabian zu treffen, ja sogar mit ihm zu schreiben und sie sollte einfach hinnehmen, dass er sich weiterhin mit Victoria traf? Trotz ihres eindeutigen Liebesgeständnisses? Das alles kam ihr so furchtbar ungerecht vor.
Sie nahm eine zweite Zigarette aus der Schachtel. Als sie wieder aufblickte stand Fabian vor ihr. „Maariiie, was geeht?“ er reichte ihr grinsend ein Feuer. „Hey“, sagte Marie leise und wandte schnell den Blick ab. „Marie?“, sie spürte seine Hand auf ihrer Schulter. „Alles in Ordnung?“. Sie nickte und versuchte dabei so überzeugend wie möglich zu wirken. Doch dann brach sie trotzdem in Tränen aus. Fabian sah verwirrt aus. Er legte seine Arme um sie und versuchte unbeholfen sie zu trösten. Als sie sich wieder ein wenig beruhigt hatte, fragte er: „Was ist denn los?“. Marie schüttelte nur den Kopf. „Lewi?“, fragte Fabian besorgt. Sie nickte und schluchzte erneut. „Wieder Victoria?“, sie nickte wieder. „Marie… Marie die ist es einfach nicht Wert, hörst du? Lass dich doch nicht so fertig machen von der Ollen!“. „Ich weiß“, sie vergrub ihr Gesicht in ihren Händen. „Ich weiß, du hast ja Recht. Ich versteh nur nicht, warum er sich immer noch mit ihr trifft. Er weiß doch, wie sehr mich das belastet.“ Fabian strich ihr durch die Haare. „Komm, versuch dich erstmal zu beruhigen. Ich hab die letztens Mal auf Facebook gestalkt, nachdem du mir das mit ihrem Geständnis erzählt hast. Die ist ja echt mega hässlich! Also neben dir ist die ne Null, ohne scheiß. Wenn Lewi das nicht sieht, dann is er blind.“ Marie schaute auf und musste plötzlich anfangen zu lachen. „Du hast sie gestalkt?“ sie kicherte leicht überdreht, „Und ich dachte, sowas machen nur Mädchen.“ Fabian schaute sie belustigt an. „Soo will ich das. Mach mich lieber ein bisschen fertig. Ist ja nicht so, als ob ich dich gerade aufmuntern wollte.“. Marie musste erneut lachen. „Das hast du geschafft. Du bist der Beste.“ Sie stand auf und gab ihm einen freundschaftlichen Kuss auf die Wange.
Genau in diesem Moment kam Sebi zu ihnen herüber. Marie wurde rot, wusste aber nicht genau wieso. Sebi hatte mal wieder sein mir-gehört-die-Welt-Grinsen aufgesetzt. „So ist das also“, sagte er nur und sein Grinsen wurde noch breiter. Marie sah aus den Augenwinkeln, wie die beiden Jungs sich einen ihr unerklärlichen Blick zu warfen.
Sebi musterte Marie „Na? Wie ich sehe, war mein Bruder mal wieder ein Arschloch? Aber ist ja eigentlich nichts Anderes zu erwarten.“.
Marie ging nicht darauf ein. Sebi und Lewi hatten ein sehr gespanntes Verhältnis, selbst für Brüder. Sebi war laut Lewi irgendwie das Problemkind in der Familie. Er war zwei Jahre jünger als Lewi und dieser fühlte sich dadurch oft, als müsse er eine Art Vaterrolle übernehmen. Das lag wahrscheinlich vor allem daran, dass sich ihr Vater, als Lewi 12 Jahre alt gewesen war, das Leben genommen hatte. Seither war Lewi der Mann im Haus gewesen und hatte versucht ihrer Mutter beizustehen, wo es nur ging. Vor einiger Zeit hatte diese dann erneut geheiratet. Lewi und Sebi hatten es jedoch nie wirklich für nötig gehalten eine tiefere Beziehung zu ihrem Stiefvater aufzubauen.
Sebi war mit all diesen Ereignissen jedoch wahrscheinlich nicht so gut umgegangen. Er hatte angefangen viel zu viel zu Kiffen und hielt sich kaum an irgendwelche Regeln oder Einschränkungen seiner Mutter. Laut Lewi war er ein rücksichtsloses Arschloch, dass die Familie auseinander trieb und seiner Mutter großen Kummer bereitete.
Marie selbst mochte Sebi. Sie kannte ihn hauptsächlich als offene und immer gut gelaunte Person, die für jeden Spaß zu haben war. In der Schule waren sie sogar recht gut befreundet. Zwar hielt auch Marie nicht gerade viel vom Kiffen, aber sie wusste auch nicht, wie viel von dem, was Lewi ihr immer wieder über seinen Bruder erzählte, tatsächlich der Wahrheit entsprach. Sie versuchte sich generell, so gut es ging, aus den Streitigkeiten zwischen den beiden herauszuhalten. Sie wollte für keinen aktiv Partei ergreifen. Das war, ihrer Meinung nach, eine Sache, die die beiden unter sich zu klären hatten.
Herr Herzogs durchdringliche Stimme holte sie in die Realität zurück. Er verkündete, der Anschlusszug würde in wenigen Minuten einfahren.

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