4 – Anna

Anna fror. Zu Hause war es relativ warm gewesen, also hatte sie sich nichts dabei gedacht als sie sich heute Morgen für ein leichtes Top entschieden hatte. Doch hier auf dem Bahnsteig mit dem Fahrtwind der vorbeifahrenden Züge wurde es immer ungemütlicher. Gott sei Dank fuhr in diesem Moment ihr Zug ein. Erleichtert warf sie sich ihre Tasche über die Schulter, packte den Griff ihres Koffers und steuerte zusammen mit Nermin auf die nächste Wagontür zu.
Sie hatte gerade ihren kleinen, aber dennoch ziemlich schweren, Koffer in den Zug gewuchtet, als die etwas entnervte Stimme von Frau Bart erklang: „Nun, da wir unseren eigentlichen Zug mit den Sitzplatzreservierungen verpasst haben, haben wir hier keine Reservierung mehr. Am besten verteilen sie sich auf den ganzen Zug und versuchen noch einen Platz zu bekommen. Aussteigen müssen wir dann in circa fünf Stunden in Berlin Hauptbahnhof.“.
Die Schüler stöhnten. Der Zug war proppevoll. Wie sollten sie hier nur einen Sitzplatz finden? Genervt schloss sich Anna ihren Freunden an. Sie gingen den engen Mittelgang weiter nach vorne durch. Es dauerte nicht lange bis sie am Ende des Zuges angekommen waren. Nicht ein Platz war frei gewesen. Unschlüssig standen sie im Bordbistro herum.
„Was ist, wenn wir uns einfach hier auf die Bank setzen?“, schlug Ina vor. Allgemein zustimmendes Gemurmel folgte und sie ließen sich auf eine lange Bank zwischen einem schmalen, ebenso langem Tisch und der Wagonwand nieder.
Die Bank war schon fast voll, als Marie, Fabian, Nermin und ein Junge, dessen Namen sie nicht kannte, durch die Tür kamen. Anna rutschte, da sie ganz außen saß, instinktiv enger an Chrissi heran, um Nermin Platz zu machen. Dieser bemerkte es sofort und setzte sich zusammen mit dem unbekannten Jungen neben sie. Als auch Marie und Fabian in einer anderen Ecke Platz gefunden hatten, drehte sich Anna zu Chrissi um und flüsterte: „Sag mal, weißt du, wer das neben Nermin ist? Der ist auch aus unserer Stufe oder?“.
Chrissi schaute sie erst verwirrt, dann belustigt an. „Dein Ernst?“, fragte sie, „Das ist Sebi, der is sogar bei uns in Englisch. Aber naja, so selten wie er da ist, ist das auch eigentlich kein Wunder.“.
„Ouuuups“, antwortete Anna mit spielerisch peinlich berührtem Grinsen, „Der ist mir noch nie aufgefallen. Sieht aber gar nicht mal so schlecht aus.“. Und das stimmte. Er war zwar nicht besonders auffällig oder groß, aber irgendwie erinnerte er sie mit seinem drei Tage Bart und den verwuschelten, dunkelblonden Haaren an Alex Pettyfer in Magic Mike.
„Najaaa“, kam es abschätzig von Chrissi, „gut aber auch nicht unbedingt. Ich dachte du stehst nich auf Blonde?“. Damit hatte Chrissi an sich sogar Recht, Anna war regelrecht dafür bekannt, dass sie auf dunkle Haare und braun gebrannte Haut stand. Maxi war der lebende Beweis dafür. Und doch hatte dieser Junge irgendetwas an sich,was sie attraktiv fand.
„Woher kennst du ihn denn?“, fragte sie Chrissi schließlich. Diese zuckte nur mit den Schultern und sagte dann: „Von diesem Leipziger Autschaut vor einem Jahr, als du in den USA warst. Er war auch immer mit auf m Haus in der Nordstadt. Ist halt voll der Kiffer und irgendwie Nermins Dealer oder so was.“.
Das „Haus“ war bis vor seinem Abriss vor einem Monat eine Art Treffpunkt für die Kiffer der Nordstadt gewesen. Es war ein leerstehendes Gebäude, was von den Jugendlichen dort für Partys oder ähnliches genutzt worden war. Anna selbst war noch nie dort gewesen, da sie mit den Leuten eigentlich nichts zu tun hatte.
„Na dann.“, beendete Anna das Gespräch und Chrissi drehte sich weg, um eine bequeme Schlafhaltung einzunehmen.
„Hey Anna, spielst du mit?“, wollte Nermin plötzlich rechts von ihr wissen. Sie drehte sich um und sah, wie dieser Sebi gerade ein Kartenspiel auf den Tisch legte. „Was wollt ihr denn spielen?“, fragte sie zurück, erleichtert über die Aussicht, die nächsten fünf Stunden etwas anderes zu tun, als Musik zu hören.
„Arschloch würd‘ ich mal sagen.“, kam es von Sebi. Anna nickte optimistisch, sie kannte das Spiel. „Dann bin ich dabei!“.
Leider wurde auch das Kartenspielen irgendwann zu langweilig. Um sich die Zeit zu vertreiben, begannen die vorbeilaufenden Leute zu beobachten. Es war beinahe unmöglich, sich nicht über den Einen oder Anderen lustig zu machen.
Anna ließ ihren Blick durch das Bistro schweifen und entdeckte Marie auf der anderen Seite. Sie war, ihren Kopf auf Fabians Schulter gelegt, eingeschlafen. Anna bemerkte stutzig, dass sogar einer seiner Arme um sie gelegt war. War Marie nicht mit Lewi zusammen? Das war so ungefähr das Einzige, was sie momentan über Maries Leben zu wissen glaubte. Sie war ein wenig mit Lewi befreundet und als sie ihn das letzte Mal gesehen hatte, hatte er noch von seiner Beziehung zu Marie erzählt.
Anna drehte sich zu Nermin. „Marie und Lewi sind doch immer noch zusammen oder?“. Nermin sah sie nur verständnislos an und nickte. Es war Sebi der antwortete: „Jop, aber da gibt’s ja ständig Stress. Ich würd’s mit Lewi auch nich‘ aushalten.“. Diese Antwort überraschte Anna, Lewi hatte noch nie erwähnt, dass es zwischen ihm und Marie nicht so gut lief.
Du magst ihn nicht besonders?“, schlussfolgerte sie dann an Sebi gewandt. Dieser grinste breit und meinte dann: „Ist mein Bruder.“, als würde dies alles Erklären. Anna war jetzt völlig verwirrt. Lewi und Sebi waren Brüder? Sie hatte irgendwie immer angenommen Lewi sei Einzelkind, da er nie einen Bruder erwähnt hatte. Ähnlich sahen sich die beiden auch nicht gerade. Da jedoch keiner der beiden Jungen neben ihr den Anschein machte, noch weiter über das Thema reden zu wollen, behielt sie ihre Gedanken für sich.
Als eine stark übergewichtige Frau das Wagon betrat, war Anna schon drauf und dran diese Nermin als Partnerin vorzuschlagen. Doch Sebi kam ihr zuvor. Er stieß einen Pfiff aus. „Das nenn‘ ich mal ne Milf!“, kommentierte er eine, um die Vierzig Jahre alte Wasserstoffblondiene, in viel zu kurzen Shorts, die gerade auf ihren High-Heels ins Bistro stolziert war.
Anna verzog angewidert das Gesicht. „Die sollte lieber keine Hotpants tragen.“, bemerkte sie trocken und blickte abschätzig auf die mit Cellulite entstellten Oberschenkel. „Du solltest lieber öfter Hotpants tragen!“, antwortete Sebi schlagfertig und grinste selbstgefällig. Anna, von dem Kommentar völlig aus der Bahn geworfen stammelte nur verteidigend: „Ja aber es ist… zu kalt.“.
Dann folgte eine peinliche Stille in der sie Begriff, dass dieser flapsige Konter eigentlich ein Kompliment gewesen war.
Die restliche Zugfahrt verbrachten sie mit einer Mischung aus Musik hören, Karten spielen und herumalbern.
Endlich am Berliner Hauptbahnhof angekommen, erwartete sie auch schon ein Bus, der sie kurz darauf zur Jugendherberge brachte. Die Zimmereinteilung hatte bereits Wochen vorher stattgefunden. Das Verteilen der Schlüssel ging daher verhätnismäßig schnell. Bald darauf begannen sie ihre Zimmer zu suchen.
Das Hostel bestand aus zwei getrennten Flügeln, in denen sich auf mehreren Stockwerken die Zimmer befanden. Die einzige Verbindung zwischen den Flügeln war ein Gemeinschaftsbereich, in welchem es morgens das Frühstück geben würde. Die Lehrer hatten es so organisiert, dass die Zimmer der Mädchen im einen und die der Jungen im anderen Flügel untergebracht waren.
Anna, Marie, Chrissi und Ina machten sich auf den Weg in den hinteren Flügel, um ihr Zimmer zu beziehen. Wie nicht anders zu erwarten, hatte das Hostel keinen Aufzug. Die vier Mädchen hatten erwartungsgemäß ein Zimmer im obersten Stock. Es brauchte eine halbe Ewigkeit, all ihr Gepäck in den fünften Stock zu tragen. Oben angekommen war außer schwerem Keuchen und Fluchen nichts mehr zu hören.
Anna steckte neugierig die Schlüsselkarte ins Schloss und sie betraten ein dicht bestelltes Sechspersonenzimmer. „Na immerhin haben wir zwei freie Betten, falls die Schränke nicht reichen“, verkündete sie den anderen Mädchen die gute Nachricht.
Nach einer kurzen Verschnaufpause begannen sie ihre Koffer auszupacken und sich einzurichten. Anna schaute immer wieder verstohlen zu Marie rüber. Es war zwar ganz sicher nicht ihre Angelegenheit, aber sie konnte das mit ihr und Fabian nicht vergessen. Dass Marie und Lewi ab und an ihre Differenzen hatten, war ja nicht weiter schlimm. Jedes Paar stritt doch ab und zu. Außer vielleicht sie und Maxi, aber das war schließlich nicht die Regel. Was ihr viel mehr zu schaffen machte, war die Tatsache, dass Marie und Fabian ganz offenkundig sehr vertraut miteinander waren. Fabian war das nicht zu verdenken, er was Single, und Marie gehörte zu den mit Abstand hübschesten Mädchen der Schule. Aber von Mari hätte sie das nicht erwartet. Was auch immer zwischen ihr und Lewi war, es sah es ihr nicht ähnlich, einem Anderen solche Hoffnungen zu machen. Vor allem war Oli im selben Wagon gesessen. Er hatte das sicher auch bemerkt und er würde Lewi ziemlich sicher davon erzählen. Sie waren schließlich beste Freunde.
Jetzt wo Anna sie so musterte, fiel ihr auf, dass Marie ziemlich zerstreut und unsicher wirkte. Ihre sonst so freudig glitzernden Augen sahen eher glasig und leer aus. Und auch ihre langen, dunkelbraunen Locken fielen ihr ungewöhnlich weit ins Gesicht. Es schien ganz so, als wolle sie ihr Gesicht absichtlich dahinter verbergen.
Vielleicht, dachte sich Anna, sollte sie Marie bei Gelegenheit mal fragen, ob alles in Ordnung war. Zwar hatte sie ihr noch lange nicht verziehen, dass sie sie damals einfach so hatte hängen lassen, aber sie war ihr auch nicht egal. Vor allem, da sie sich nun fast eine Woche lang ein Zimmer teilen würden und Marie hier eigentlich niemanden zum reden hatte.
Eine gute Stunde später hatten sich alle Schüler vor dem Ausgang der Aletto Jugendherberge versammelt und die Gruppe brach zum gemeinsamen Pizzaessen in Richtung U-Bahn Station auf.

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