9 – Marie

Was bisher geschah:
Der Streit zwischen Lewi und Marie hat einen erneuten Höhepunkt erreicht. Anna und Marie konnten sich endlich aussprechen. Die brave Anna ist über ihren Schatten gesprungen und hat endlich mal etwas spontanes getan – sie hat gekifft.

„Ich soll dir sagen, dass Anna nochmal kurz nach oben ist und gleich wieder kommt.“ gröhlte Sebi Marie entgegen, die gerade am Hostel angekommen war. Nach der Besichtigung des Bundestages hatten sie schon Freizeit gehabt und Marie war noch mit Oli und Ina in der Stadt geblieben. Die anderen waren schon mal vor gegangen.
„Okay“, sagte Marie „Und was steht jetzt an heute Abend?“ „Also wir gehen gleich mal kurz um die Ecke“, Sebi grinste sie an, „Und wegen dem kack Wetter haben wir beschlossen heute mal aufn Zimmern zu bleiben. Alk haben wir ja auch noch genug.“, Marie nickte „ja hört sich gut an.“ Es regnete schon den ganzen Tag und somit gab es eindeutig gemütlicheres als den Park. „Und Marie?“, raunte Sebi verschwörerisch „Wie fandest dus heute Mittag?“, Marie wusste sofort wovon er sprach. „Ganz ehrlich? Ich hab irgendwie nichts gemerkt.“ „Naja du hast ja nur zweimal dran gezogen. Also klar am Anfang vielleicht vorsichtiger aber das war denk ich mal zu vorsichtig…“ Marie zuckte mit den Schultern. „Wie wärs wenn du jetzt nochmal mit rauchst? Wir haben diesmal zwei am Start.“ „Klar!“, auf Maries Gesicht machte sich ein Grinsen breit. Sie folgte Sebi um die Ecke. Dort war ein kleiner Hof, der von großen Gebäuden umringt war. Nur ein kleiner Teil war zur Straße hin offen. Auch Oli schließ sich ihnen an. Nermin und Fabi warteten schon. Beide mit einem 10cm langem Jonny in der Hand. Es ging keine zwei Sekunden, da waren beide angezündet und Marie hatte den ersten in der Hand. Sie zog vorsichtig daran. Es schmeckte gut. Viel besser als Zigaretten. Sie versuchte den Geschmack einzuordnen, aber ihr viel nichts vergleichbares ein. Irgendwie ein bisschen süßlich. Vielleicht ein bisschen nach Oregano? Kräutern? Nein – nichts davon kam dem auch nur Ansatzweise nahe. ‚Am Anfang vielleicht vorsichtiger, aber nicht zu vorsichtig‘, hallten ihr Sebis Worte im Kopf herum. Sie zog noch einmal daran, diesmal etwas kräftiger. Dann holte sie tief Luft, behielt alles für einen kurzen Moment in ihren Lungen, bis sie es wieder langsam ausatmete. ‚Und noch ein Zug‘, dachte sie sich. Schließlich gab sie den Joint weiter. Sie hatte mal irgendwo gelesen, Gras bräuchte ca 10 Minuten, um zu wirken. ‚Dann müsste ich ja was merken, wenn der wieder bei mir ankommt‘, sagte sich Marie. Sie wollte dann nochmal spontan entscheiden, ob sie noch mehr rauchen würde. Doch sie hatte nicht mit dem zweiten Joint gerechnet. Kaum hatte sie den Einen weiter gereicht, wurde ihr auch schon der Zweite übergeben. Sie blickte ein wenig nervös in die Runde, aber niemand achtete auf sie. Sie beschloss, dass drei Züge auch quasie nichts waren und nahm nochmal zwei. Als sie noch einen dritten nehmen wollte, stellte sie allerdings fest, dass der Jay aus war. „Der ist aus“, teilte sie der Runde mit. „Und?“, fragte Sebi ausdruckslos. „Ja, macht den mal an?“ lachte Marie. Irgendwie machte sie die ganze Situation nervös. „Mach doch selbst?“ „Ich hab das doch noch nie gemacht“, protestierte Marie. „Mädchen, du rauchst“, Sebi war sichtlich genervt. Marie nickte, ein wenig überfordert und kramte ihr Feuer aus der Tasche. Sie hielt es vor den Joint, während sie daran zog, um ihn anzuzünden. Ein stechender Schmerz durchstieß ihre Lunge. Sie konnte Oli gerade noch den Joint in die Hand drücken. Dann fing sie an heftig zu husten und zu würgen. ‚Oh scheiße. Ich muss kotzen!‘ dachte sie hysterisch. Tränen liefen ihr über die Wange. Ihre Lunge fühlte sich an, als würde sie zerreißen. Sie hustete und würgte und sie dachte ihre Lunge würde sich jeden Moment auflösen. Und dann wurde es besser. Sie merkte den Schmerz in ihrer Lunge zwar noch, aber der Hustenreiz hatte aufgehört. Sie musste auch nicht mehr würgen. Langsam drehte sie sich zu den Anderen um. Die hatten sie alle beobachtet und lachten sie doch tatsächlich aus. Empört ging sie zu ihnen zurück. „Ich glaub einfach nicht, dass ihr mich..“ sie brach ab. Auf einmal begann es in ihren Ohren zu rauschen und ihr Kopf kribbelte. Sie fühlte ihren Körper nicht mehr und ihre Sicht verschwamm. „Leute irgendwas stimmt nicht mit mir“, sagte ihre Stimme, wie aus weiter ferne. „Chill mal“, kam eine gedäpmfte Antwort, „das ist nur die Wirkung“. „Nein. Nein wirklich nicht“ Panik stieg in Marie auf. Sie merkte, wie sie zu Boden taumelte.
Jemand schrie. Der Schrei brach ab. Marie selbst hatte geschrien. Sie sah sich auf dem Boden sitzen. Ein Mädchen mit langen, braunen Locken, dass in einer Pfütze saß. Alles wirkte so weit weg. Als sei sie nur jemand, der ein Geschehen in einem Film betrachtete. Sie spürte, wie jemand schützend die Arme um sie legte. „Hey. Alles ist gut. Atme tief durch, Marie. Ich bin da. Alles ist gut. Kannst du mich hören?“ Marie nickte, sagte aber nichts. Fabian strich ihr die Haare aus dem Gesicht. „Marie meinst du, du kannst aufstehen?“ Marie zuckte mit den Schultern. „Okay“, sagte Fabi und er und Sebi packten sie unter den Armen und halfen ihr hoch. Maries Knie wackelten. „Da rüber“, dirigierte Fabi und sie bugsierten Marie zu einer Nische an der Hostelwand. Hier war es wenigstens trocken. Es war offensichtlich, dass Marie keinen Schritt weiter würde gehen können. Dort angekommen brach Marie auch schon wieder zusammen. Als sie wieder zu sich kam, merkte sie Fabis Hand auf ihrem Schenkel. „Bist du wach?“, fragte er besorgt. Sie nickte. Dann nahm sie alle Kraft zusammen und flüsterte: „Muss ich sterben?“ Fabi grinste sie müde an „Marie, du musst nicht sterben. Versprochen“, er gab ihr einen Kuss auf die Stirn. Doch das überzeugte Marie nicht. Sie zitterte am ganzen Körper. Unaufhörlich liefen ihr Tränen übers Gesicht. „Fuck“, stöhnte Sebi „Da kommen die Lehrer!“ Resigniert schaute Marie auf. Die vier Lehrer kamen wie in Zeitlupe auf sie zu. Schulter an Schulter mit festem Gang. Das alles wirkte sehr beängstigend auf sie. Sie konnte beinahe schon die unheilvolle Musik im Hintergrund hören. Ohne darüber nachzudenken sprang sie auf. Zu ihrer eigenen Überraschung schaffte sie es, ohne Hilfe und relativ sicher, in Richtung Hostel zu laufen. Beim zweiten Anlauf schaffte sie es sogar durch die Tür. Sie nahm alles um sie herum nur Schleierhaft wahr. Badezimmer, war ihr einziger Gedanke. Sie drückte die Türklinke der öffentlichen Toilette herunter. Abgeschlossen. Ohne weiter zu überlegen stürzte sie zur Männertoilette. Sie stieß die Tür auf und stolperte hinein. Dann wurde ihr wieder schwarz vor Augen. Die zwei Gesichter von Sebi und Fabi, die sich über sie beugten, waren das nächste, woran sie sich erinnerte. Und ein dicker, schwarzer Mann. Doch den konnte sie keiner Handlung mehr zuordnen. Plötzlich stand ein Spanier in der Tür, der wild gestikulierend auf sie einzureden schien. Selbstverständlich verstanden sie kein Wort. Dann kam ein anderer Mann, der sagte, sie sollten woanders hingehen. „Komm“, sagte Fabi leise zu Marie und half ihr hoch. „Ich geh mal schauen, wo die Lehrer sind“, sagte Sebi. Er war deutlich angespannt. Fabi nahm Maries Hand. „Schaffst dus nach oben?“, seine Stimme klang aufrichtig besorgt. Marie schüttelte zitternd den Kopf. „Okay, dann geh nochmal aufs Frauenklo.“ Er öffnete ihr die Tür und sie schwankte hindurch. Er schloss die Tür hinter ihr. ‚Warum lässt er mich allein?‘ dachte Marie hilflos. Sie hielt sich am Waschbecken, um nicht umzufallen. Die Tür ging auf und Sebi steckte den Kopf hindurch- „Sollen wir rein kommen?“ Marie nickte „Bitte“, flüsterte sie verzweifelt. Sebi und Fabi versuchten möglichst unauffällig durch die Tür zu schlüpfen. Marie war inzwischen doch umgekippt. Unbeholfen setzte sie sich auf. „Hör mal“, sagte Sebi, immer noch angespannt „ist es okay, wenn ich hoch geh? Ich kanns mir echt nicht leisten Stress mit den Lehrern zu bekommen. Das mir echt zu heiß hier.“ Marie konnte ihn nur zu gut verstehen. „Klar Sebi, geh hoch.“, sie lächelte matt. Er schaute sie skeptisch und ein wenig schuldbewusst an. „Sebi, wirklich. Kein Problem. Du kannst auch gehen.“ fügte sie dann auch an Fabi gewannt zu. „Du spinnst doch“, sagte Fabi Stirn runzelnd und setzte sich neben sie auf den Boden. Aber auch er nickte Sebi zu. „Okay“, sagte der nur und stahl sich vorsichtig wieder hinaus. „Du musst wirklich nicht hier bleiben“, murmelte Marie in Fabis Richtung. „Ich will aber“, er legte ihr den Arm um die Schulter. „Na gut“.
Auf einen erneuten Schwindelanfall hin legte sich Marie auf den kühlen Kachelboden. Ihr fiel auf, dass das ganze Bad strahlend weiß war, bis auf das Logo des Hostels, das in einer Reihe, gleichmäßig auf die Kacheln in Augenhöhe gezeichnet worden war. „Ist das nicht unbequem? Komm du kannst deinen Kopf auf meine Beine legen.“ Fabi setzte sich in den Schneidersitz und Marie legte ihren Kopf auf seine Knöchel. „Soll ich deine Hand nehmen?“, fragte er erneut. „Wieso das?“, gab Marie nur verwirrt zurück. „Keine Ahnung…“, er stammelte irgendetwas vor sich hin. Marie achtete nicht darauf. Sie war fasziniert von dem Logo des Hostels. „Sieht aus, als hätte es eine Axt in der Hand“, nuschelte sie. „Was?“, Fabi lachte amüsiert. „Marie, du bist so richtig schön breit.“ Auch Marie lachte, was sie mehr anstrengte als erwartet. Erschöpft schloss sie die Augen. „Ich hab Durst“, stöhnte sie. „Ja, ich auch“, stimmte Fabi ihr zu. Er zog seine Jacke aus und legte sie behutsam unter Maries Kopf. Dann stand er auf und ging zum Wasserhahn. Nachdem er selbst etwas getrunken hatte, schloss er seine Hände zu einer Schale und versuchte so, auch Marie etwas zu trinken zu geben. Die musste jedoch nur wieder lachen. „Das funktioniert doch nicht“, bemerkte sie immer noch kichernd. „Wahrscheinlich hast du Recht“, musste auch Fabi zugeben. Er setzte sich wieder hin. „Mensch Marie… ich weiß gar nicht wie ichs sagen soll… aber durch die Woche hier jetzt, die ganze Zeit die wir zusammen haben… Ich denk mir manchmal, wie ichs die ganze Zeit vor der Nase haben konnte und nichts gemerkt hab“, begann er ohne Vorwarnung. Marie konnte nichts damit anfangen. Sie wusste nicht so sicher, wohin das Gespräch jetzt führen würde. Sie spürte, wie ihr Herz begann, schneller zu schlagen. „Also, versteh das nicht falsch. Du bist einfach ein klasse Mädchen. Also freundschaftlich gesehen. Du bist echt super witzig. Und eine gute Freundin eben. Und…“, er lachte kurz auf, „du siehst echt verdammt gut aus. Ich mein Anna… die ist richtig heiß. Eine richtige Vorzeigefrau, Modeltyp eben. Aber du hast was. Also es gibt sicher Kerle, die lieber Anna hätten, aber ich gehör nicht dazu. Ich mags, wie du manchmal zerzaust und mit nem weiten Pulli in die Schule kommst. Oder, dass du zu deinen Fehlern stehst und immer so natürlich bist. Also freundschaftlich.“ Marie verwirrte der Vergleich mit Anna. Was hatte Anna mit ihrer Freundschaft zu tun? „Du kennst Anna doch gar nicht“, erwiderte sie. „Also, glaub mir sie kann sich genauso gehen lassen, wenn sie will. Und glaub mir, sie ist mindestens so witzig wie ich.“ „Ja okay, du hast Recht“, stellte Fabi fest „Ich kenn sie echt kaum“.
Sie schwiegen eine Weile vor sich hin. Marie dachte über Fabis Worte nach – so gut sie konnte. „Wie meinst du das freundschaftlich?“, fragte sie schließlich. „Naja, du hast doch einen Freund“, antwortete er nach kurzem Zögern. „Und wenn ich keinen hätte?“, antwortete Marie, ein wenig neben der Rolle. „Dann sicher nicht, Marie. Dann sicher nicht“. Noch bevor Marie etwas erwidern konnte, klopfte es an der Tür. Es war Ina. Sie wollte wissen, wie es Marie ging. Die drei blieben noch eine Weile auf dem Klo und unterhielten sich. Maries Zustand besserte sich von Minute zu Minute. Irgendwann fühlte sie sich stark genug und sie gingen hinauf zum Zimmer der Mädchen. Oben warteten schon Chrissi und Anna. Sie wirkten sehr besorgt und aufgewühlt. „Marie!“, kreischte Anna und nahm sie in den Arm. „Wie geht es dir?“ „Wieder ganz gut. Aber am Anfang wars echt schlimm“, berichtete Marie. Obwohl der ganze Abend eher ein Fail gewesen war, musste sie lachen. „Sie ist breit“, entschuldigte Fabi ihren Ausbruch. „Ich geh dann mal ins Bett. Gute Nacht Mädels. Gute Nacht Marie.“, er lächelte sie an und machte sich auf den Weg in sein Zimmert. „Man, Marie wir haben uns so Sorgen gemacht!“, fluchte Chrissi erleichtert. „Schau mal sogar einen Kübel haben wir dir besorgt, falls du kotzen musst.“ Marie musste nur noch mehr lachen. Sie ließ sich auf ihr Bett fallen. „Ich liebe euch, Leute“, gähnte sie und schlief sofort ein.

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8 – Anna

Es war halb acht als das schrille Klingeln eines Weckers ertönte. Anna grummelte verschlafen und die anderen drei Mädchen im Zimmer taten es ihr nach. Dann drehte sie sich zum Nachttisch, tastete nach ihrem Handy und schaltete schlaftrunken den Wecker aus.
„Ich glaube, wir sollten echt mal aufstehen.“, stellte Chrissi resigniert fest, denn sie hatten den Wecker nun schon zum dritten Mal ausgeschalten, ohne ihr Bett zu verlassen. Langsam krochen die vier aus ihren Betten und begannen sich für den heutigen Tag fertig zu machen. Ina und Chrissi beeilten sich, um vor dem Aufbruch ins Museum noch etwas frühstücken zu können. Aber Anna und Marie verzichteten lieber auf das Frühstück um sich etwas mehr Zeit lassen zu können.
Langsam kamen die Erinnerung an den gestrigen Abend zurück. Anna konnte kaum glauben, dass sie tatsächlich gekifft hatte. Es war das erste Mal in ihrem Leben gewesen. Noch nie hatte sie davor auch nur an einer Zigarette gezogen. Aber zugegebenermaßen, irgendwie hatte ihr dieses leicht benebelte, sorglose, entspannte Gefühl gefallen. Soweit sie sich erinnern konnte, hatte es nicht einmal schlecht geschmeckt. Nermin, als Nichtraucher, benutzte zum Drehen immer den schwächsten Tabak, den er finden konnte.
Aber wie war es eigentlich dazu gekommen? Jaa, sie war neugierig gewesen und vielleicht hatte sie auch einfach mal etwas aufregendes und illegales machen wollen, aber trotzdem passte dieses Verhalten so gar nicht zu ihr. So gerne sie es auch sein wollte, sie war kein sonderlich spontaner Mensch und eigentlich gegen jegliche Art von illegalen Drogen oder Aktivitäten. Doch so sehr es sie auch verwirrte, es war aufregend gewesen und es war ja auch nichts schlimmes passiert. Generell war ein bisschen Gras im Grunde ja nichts schlimmes. Man bekam keine Halluzinationen oder ähnliches. Sie hatte nicht einmal bemerkt wie sie high geworden war. Es war eher langsam und schleichend gekommen, dieses Gefühl von Ruhe und Gelassenheit, dass sich immer weiter in ihr ausgebreitet hatte. Außerdem ging es ihr im Vergleich zu Marie, die gestern nur getrunken hatte und sich jetzt immer wieder mit schmerzverzerrtem Gesicht an die Stirn fasste, ziemlich gut. Wenn man die Müdigkeit nicht beachtete.
Während sie versuchte ihre langen, dunkelblonden Haare irgendwie zu bändigen, fragte Marie, die gerade in die Badezimmertür getreten war, mit leicht verstohlener Stimme: „Erzähl mal… Wie war’s?“. Das Glitzern in ihren grünen Augen verriet ihre Neugier.
Anna überlegte kurz, wie sie das Gefühl am Besten beschrieben konnte, dann antwortete sie zaghaft: „Naja, es ist schwer zu beschreiben. Man merkt es nicht von jetz‘ auf gleich und es ist, als hätte man ein bisschen mehr Abstand zum Ganzen drum herum. Man ist gechillter und muss irgendwie schneller Lachen, weil alles lustiger ist als sonst.“. Zum Ende der Beschreibung hin, war ihre Stimme immer aufgeregter geworden und auch Marie sah so aus, als würde sie es liebend gerne einmal selbst ausprobieren.
„Also, irgendwie würde ichs ja auch mal gerne ausprobieren.“, gab Marie das Offensichtliche zu und Anna musste grinsen. „Würdest du denn nochmal mitmachen?“, frage Marie vorfreudig und Anna nickte. „Wir können die Jungs ja fragen, ob wir heute Abend wieder zusammen in den Park gehen und dann kannst dus ja ausprobieren.“, schlug Anna vor und Marie war einverstanden.
Mit einem Blick auf die Uhr war ihr Gequatsche auch schon beendet. Die beiden schnappten sich ihre Taschen und stürmten die Stockwerke hinunter und zum Ausgang des Hostels.
Ihr Zuspätkommen brachte ihnen einige tadelnde Worte von Seiten der Lehrer ein, aber dann setzte sich die Gruppe auch schon in Bewegung.
Marie und Anna schlossen schnell zu ihren Freunden auf und nur ein Blick in ihre Gesichter, verriet Anna, dass sie nicht weniger müde waren, als sie. Das konnte ja heiter werden, dachte sie wehmütig. Heute stand ein Museumsbesuch und die Besichtigung des Bundestags, mit anschließendem Gespräch mit einem der Abgeordneten an. Allein der Gedanke daran, sich stundenlang Kunstwerke anzuschauen, ließ sie aufstöhnen. Der einzige Lichtblick war die Freizeit am Abend, obwohl sie vermutlich nicht mehr ganz so lange wach bleiben sollte wie am Vortag. Das morgige Programm würde nicht weniger straff sein.

Einige Stunden später hatte Anna die langweiligsten und ermüdendsten Stunden ihres Lebens hinter sich und ihr Magen verlangte lautstark nach dem versäumten Frühstück. Die Gruppe hatte sich außerhalb des zuvor besichtigten Pergamonmuseums versammelt und Herr Herzog bat mit dröhnender Stimme um Aufmerksamkeit. „Ich hoffe, ihnen hat die Führung genauso gut gefallen, wie uns und sie konnten einige interessante Fakten behalten.“, begann er zu sprechen, „Aber, da wir schon um zwei Uhr den Termin im Bundestag haben und es bereits kurz nach zwölf ist, haben wir uns überlegt, Ihnen noch bis um eins Zeit zu geben, sich hier ein wenig umzusehen und vielleicht noch das ein oder andere Denkmal hier in der Nähe zu besichtigen. Um ein Uhr treffen wir uns dann wieder hier und fahren in geschlossener Gruppe zum Bundestag. Bitte seid pünktlich, denn im Falle einer Verspätung könnte es gut sein, dass das Gespräch mit dem Abgeordneten Jung ausfällt. Sie werden zwischen dem Gespräch und der Bundestagsrundführung noch einmal eine Pause haben, um etwas zu Essen, aber es ist vielleicht dennoch ratsam, sich jetzt schon etwas Kleines zum mitnehmen zu besorgen.“.
Als Herr Herzog endlich geendet hatte, zerstreute sich die Gruppe ziemlich schnell und Anna machte sich zusammen mit Marie, Nermin, Sebi und Fabi auf die Suche nach einem Café.
„Ich will ja jetz‘ nichts festlegen,“, begann Anna zu sprechen, „aber wir sollten schauen, dass wir einen Starbucks oder sowas finden, weil ich ja nur Sojamilch trinken kann und Kaffee ohne Milch einfach nicht schmeckt.“.
„Meeensch Anna“, für Sebi sie spielerisch wütend an, doch Marie warf ein, sie würde auch lieber Sojamilch trinken und damit war das Thema erledigt. Gott sei Dank waren große Cafés hier in Berlin keine Seltenheit und schon im zweiten, bei dem sie nach Sojamilch fragten, gab es tatsächlich welche.
Nachdem die fünf sich einen Kaffee geholt hatten, setzten sie sich vor dem Café an einen Tisch. Der Kaffee tat ihnen allen sichtlich gut. Anna hatte überlegt, sich noch einen Muffin zu holen, war jetzt jedoch froh darüber, es nicht getan zu haben. Der große Latte Macciato machte sie auch alleine schon papp satt.
Langsam begann das Koffein zu wirken und die Gespräche wurden ein wenig angeregter.
„Lass mal einen bauen!“, schlug Sebi vor, „Hat jemand ’n Pape?“. Die Jungs schüttelten den Kopf, doch zu Annas Überraschung meldete sich Marie zu Wort: „Also ich hätte so kleine, die ich immer zum Kippendrehen nehm‘, wenn ihr sowas sucht.“.
„Meeensch Mariiie, komm doch mal klaaar.“, kam es gedehnt aus Sebis Mund und Marie war sichtlich verwirrt. Die beiden Mädchen schauten noch immer fragend in die Runde. Dann entschied Fabi sich dafür, sie aufzuklären und meinte nur: „Shorts hab ich auch, aber für n Joint muss man schon Longpapes nehmen. Alles andere geht gaar nich klaar.“.
Wieso zogen die beiden ihre Wörter eigentlich immer so lang? Anna war das schon am Vortag aufgefallen. Vielleicht kam das ja von Kiffen. Doch bei Nermin hatte sie das so noch nicht bemerkt, aber vielleicht rauchten die beiden ja auch mehr als er.
„Achso“, sagte Marie schulterzuckend und auf Anna wirkte sie fast ein wenig enttäuscht. Vielleicht hatte sie ja gehofft, den Tag ein wenig spannender zu gestalten und ihr Vorhaben, auch mal was zu rauchen, schon vorverlegen zu können.
„Ja, dann lasst es mal packen und noch zu nem Kiosk oder so. Wir wollten das Ott doch noch vor der Kontrolle im Bundestag weg rauchen.“, ergriff Sebi erneut die Initiative und die Gruppe erhob sich. Nachdem die Jungs bei einem nahe gelegenen Kisok eine Rolle „Longs“, wie sie es nannten, gekauft hatten, war es auch schon kurz vor eins und sie kehrten zum Treffpunkt zurück.
Während die Gruppe mit der U-Bahn zum Bundestag fuhr, machten sich die Jungs die ganze Zeit über Gedanken, wie sie ihr Dope vor der Sicherheitskontrolle noch rauchen konnten, oder es ohne erwischt zu werden mit hinein bekamen. Irgendwann hatte Anna diese Paranoia satt und ging zu Herr Herzog hinüber. Unauffällig fragte sie ihn, indem sie ihr Pfefferspray als Vorwand für ihre Besorgnis nahm, über die Sicherheitskontrolle aus und erfuhr, dass sie bei dem Abgeordnetengespräch noch gar nicht kontrolliert werden würden.
Zurück bei den anderen verkündete sie feierlich: „Jungs, Problem gelöst. Wir müssen jetzt noch gar nich durch die Kontrolle, sondern erst nach der Pause, wenn wir die Besichtigung haben.“.
„Niiiice“, kommentierte Fabi die neuen Informationen und Sebi gab ein „Respekt“, von sich. Es war das erste mal, dass sie ein Kompliment seinerseits ernst nehmen konnte. Es hörte sich wirklich leicht beeindruckt an. Zufrieden grinsend setzte sie sich wieder neben Marie.

Nach dem schier endlos scheinenden Gespräch mit dem Abgeordneten, bei dem sich Anna ziemlich sicher war, dass er keine der gestellten Fragen tatsächlich beantwortet hatte, entließen sie die Lehrer erneut in die Freiheit.
Auch Chrissi, Ina und Oli waren nun zu ihnen gestoßen und sie gingen alle in einen nahe gelegenen Park. Da es leicht zu regnen angefangen hatte und niemand so recht darauf vorbereitet war, quetschten sie sich jeweils zu viert unter einen Schirm.
An einer Stelle, die sowohl recht trocken, als auch Blick geschützt war, die Bäume standen recht dicht aneinander, machten sie schließlich Halt. Anna teilte sich einen Schirm mit Marie, Sebi und Fabi und beobachtete, wie Sebi den Joint baute. Es sah so aus, als würde er das tagtäglich tun und sie fragte sich insgeheim, wie viel er eigentlich jetzt wirklich kiffte.
Als er fertig war, stellten sich die acht, so gut es mit den Schirmen ging, in einen großen Kreis und ließen die Tüte umgehen. Zu Annas großer Überraschung rauchten alle, bis auf Ina, wie selbstverständlich, mit. .
Da sie nur einen Joint für sie alle hatten, war er schnell aufgeraucht und sie machten sich auf den Rückweg. Dieses mal spürte Anna wesentlich weniger, als am Abend davor, was vermutlich daran lag, dass jeder von ihnen nur zwei, drei Züge hatte nehmen können. Nichts desto Trotz waren die Augen der Jungs ziemlich rot. Wahrscheinlich hatten sie stärker gezogen, denn als Marie und Anna sich gegenseitig überprüften, bemerkten sie keine nennbare Rötungen.
„Lasst mal was kahlen gehen.“, schlug Fabi plötzlich vor, als sie fast wieder am Bundestag angekommen waren und Marie und Anna tauschten einen verwirrten Blick. „Sch“, kam es von Sebi und spätestens jetzt verstanden die beiden gar nichts mehr. „Ja, da vorne is‘ doch so’n größeres Café, lasst halt dahin gehen.“, antwortete Nermin. Okay, kahlen war also demnach ein anderen Wort für essen, schlussfolgerte Anna und da sie außer dem Kaffee heute noch nichts zu sich genommen hatte, sagte sie: „Ja, gute Idee. Ich könnte auch mal was zu Essen vertragen.“.
Gesagt, Getan. Wenig später saßen sie alle mit belegten Brötchen in den Händen um einen Tisch herum. Gerade, als Anna lautstark bemerkte: „Oh Gott Leute, eure Augen sind wirklich hammer rot. Denkt ihr, die Lehrer merken was?“, kam Herr Herzog durch die Tür geschlendert, sah sie, grinste breit und steuerte direkt auf sie zu.
„Und wie fanden Sie das Gespräch?“, fragte er, an ihrem Tisch angekommen. „Ähmm“, machte Nermin und Sebi und Fabi sahen ihn nur mit halb geöffneten Mündern an. Anna riss sich schließlich zusammen und antwortete möglichst interessiert: „Eigentlich ganz gut, aber mir kam es so vor, als hätte er im Grunde keine einzige unserer Fragen wirklich beantwortet. Er hat immer einen Satz dazu gesagt und hat dann stundenlang über irgendetwas ganz anderes geredet.“.
Herr Herzog ließ ein amüsiertes Lachen hören. „Haha ja, typisch Politiker eben.“, sagte er dann und ließ sich zu ihrem Entsetzen an ihrem Tisch nieder. Anna warf den Jungs einen alarmierten Blick zu und hörte nur nebenbei, wie Herr Herzog damit begann, Oli über seine Zukunftspläne auszufragen. Das konnte ja heiter werden, dachte sie und überlegte, wie sie aus dieser Lage herauskommen konnten, ohne dass Herr Herzog etwas bemerkte.
„Ähmm… Wir gehen dann schonmal vor. Wollten noch eine rauchen.“, murmelte Sebi, während er aufstand und sich den letzten Bissen seines Brötchens in den Mund schob. Nermin und Fabi taten es ihm gleich und die drei verließen zügig das Kaffee. „Soso“, kam es amüsiert von Herr Herzog, der nun wissend grinste und Anna konnte nicht umhin, sich zu fragen, ob er wohl wirklich etwas wusste. Die Augen waren ja eigentlich nicht zu übersehen gewesen.
Eine geschlagene halbe Stunde mussten sie sich noch weiter mit Herrn Herzog über ihre Pläne nach dem Abitur unterhalten, bis er schließlich verkündete, es sei Zeit sich mit den Anderen vor der Sicherheitskontrolle zu versammeln.

7 – Marie

Nachdem sich die Gruppe nach einer längeren Diskussion einig geworden war, welche der U-Bahnen sie nun tatsächlich wieder nach Kreuzberg und zu ihrem Hostel bringen würde, hatten sie keine fünf Minuten auf die Bahn warten müssen. So eine Großstadt hatte schon die ein oder anderen Vorteile. Zu Hause hätten sie zu dieser Uhrzeit locker eine Halbe Stunde warten müssen.
„Die Anna,“, begann Fabi leise an Marie gerichtet, als sie in der U-Bahn saßen, „die ist schon echt heiß.“ und ein bekifftes Grinsen machte sich auf seinem Gesicht breit. „Das kannst du aber laut sagen.“, kommentierte Sebi die Feststellung und grinste ebenfalls, wobei es bei ihm fast schon siegessicher wirkte. „Besser nicht“, erwiderte Marie amüsiert. „Sie sitzt direkt hinter euch und außerdem hat sie einen Freund. Die zwei scheinen ziemlich glücklich zu sein, also lasst lieber die Finger von ihr.“. Ihr Blick wanderte zu Anna, die sich lachend mit ihren Freunden unterhielt. „Aber naja, heiß ist sie wohl echt.“, fügte sie kichernd hinzu.
Nach einem kurzem Schweigen drehte sie sich in Fabis Richtung und raunte leise: „Hab mir schon gedacht, dass sie dir gefällt.“. Sie grinste. „Wie jetzt?“, kam es verwirrt zurück. Fabi wirkte, wie vor den Kopf gestoßen. „Na, ich kenn dich doch!“, erklärte sie, „Du machst dann immer diese eine Sache.“. „Welche Sache?“, wollte Fabi, immer noch recht verwirrt aber dennoch neugierig, wissen. Doch Marie schüttelte nur mit verschwörerischer Miene den Kopf. „Welche Sache?“, fragte Fabian erneut, diesmal lauter und nun offensichtlich interessiert. „Mariiiie“, sagte er mit eindringlicher Stimme. Jetzt war ein spielerisch, enttäuschter Unterton zu erkennen und er warf ihr einen gespielt bösen Blick zu. „Faaabi.“, entgegnete Marie und setzte eine gekonnt düstere Miene auf. „Wenn ich dir das sage, dann machst dus ja nicht mehr.“, erklärte sie lachend. „Aber ich erzähls keinem. Versprochen!“, fügte sie immer noch lachend hinzu. Fabi strich sich mit einem erleichterten Seufzer imaginären Schweiß von der Stirn. „Also ich…“, setzte er zu einer Erklärung an, „Ich find‘, sie sieht schon gut aus. Aber halt… also, wenn sie eh nen Freund hat…“. Er brach ab. Nach einer kurzen Pause fuhr er fort: „Alle guten Mädchen haben ’n Freund. Du ja auch! Was soll man da machen…“ Marie wollte etwas antworten, auch wenn sie noch nicht genau wusste, was, doch dann verkündete Sebi überheblich: „Juckt mich doch nicht, ob sie ’n Freund hat.“. Und da war wieder sein mir-gehört-die-Welt-Grinsen.

„Wir treffen uns schon in fünf Minuten mit den Jungs. Beeilt euch mal!“, verlangte Chrissis leicht genervt, ein wenig später im Zimmer. „Jaja.“, antworteten Marie und Anna gleichzeitig und fingen an zu lachen. „Geht halt schon mal vor“, schlug Anna vor und Chrissi und Ina folgten der Aufforderung prompt. „Sagt dann, dass wir gleich nachkommen“, schrie Anna ihnen noch hinterher, bevor die Tür auch schon ins Schloss fiel. Obwohl sie erst seit ein paar Stunden in Berlin waren, lagen schon überall im Zimmer Klamotten herum. „Ich weiß, nicht was ich anziehen soll“, stellte Marie verzweifelt fest und biss sich nachdenklich auf die Lippe, während sie ihre Klamotten begutachtete. „Jaa, ich auch nicht“, pflichtete Anna ihr bei. Die beiden tauschten einen skeptischen Blick. Als Marie ein enges Top mit tiefem Ausschnitt herauszog, grinste Anna sie süffisant an. „Ich dachte, da ist nichts zwischen dir und Fabi?! Warum dann das Top?“, neckte sie sie. Marie grinste nur und zog es über. „Ich könnte das selbe über dich sagen. Du bist doch mit Maxi zusammen, oder wie war das?“, stellte sie wissend fest und sie schnippte kurz mit dem Finger gegen Annas kurze Hotpants. „Na dann lass mal jetzt gehen!“, schlug Anna ausweichend vor und kichernd machten sich die Mädchen auf den Weg.
Die Anderen warteten bereits und begrüßten sie mit ironischen Applaus, welchem die beiden grinsend mit Verbeugen und Handküssen entgegennahmen. Dann liefen sie zusammen zu einem kleinen Supermarkt an der nächsten Ecke, um sich für den Abend mit Alkohol einzudecken.
Nachdem sie genug für die nächsten drei Tage gekauft hatten, entschieden sie sich dazu, einfach in den nahe gelegenen Park zu gehen, da es noch recht warm war. Sie hatten sowieso keine Ahnung, wo man in Berlin feiern konnte und die meisten von ihnen waren noch nicht einmal 18 waren. Außerdem würde es zu lange dauern, jetzt noch nach etwas zu suchen.
„Auf uns“, verkündete Marie wenig später mit feierlicher Stimme und hielt Anna einen Becher Wodka-O hin. „Tut mir Leid… aber heute gibt’s nix für mich. Ich muss noch Antibiotika nehmen und der Arzt hat gesagt, ich darf auf keinen Fall was trinken.“, lehnte diese wehmütig ab. „Kein Problem“, entgegnete Marie achselzuckend und kippte den Becher mit einem Mal runter. Anna schaute sie entgeistert an. „Hahaha, duuu solltest deinen Blick mal sehen“, prustete Marie los und auch Anna stimmte mit ein. „Na Mädels. Was gibt’s zu lachen?“, wollte Fabi wissen, der sich soeben neben Marie auf der Parkbank niedergelassen hatte. „Niiichts“, verkündete Marie scheinheilig und kicherte weiter. Sie war mittlerweile wirklich ziemlich betrunken!
„Aber was machen wir denn jetzt mit ihr?“, fragte sie, auf Anna zeigend, in die Runde. „Anna, du rauchst einfach was bei uns mit, würd‘ ich sagen, oder?“, schlug Nermin vor und reichte ihr einen Joint. Marie sah zu, wie Anna ihn sehr verdutzt entgegen nahm. Sie musste erneut lachen. Der Anblick war einfach zu komisch. Anna mit einem Joint in der Hand! Dass sie das noch erleben durfte. Allein die Art, wie sie ihn verkrampft und mit dem kleinen Finger abgespreizt hielt, als wäre er ein Glas teurer Champagner.
„Komm, lass mich dir helfen.“, bot sie ihrer Freundin glucksend an. Das war ja nicht mehr mit anzusehen. Sie konnte sehen, wie Anna verlegen nickte und ihr die Röte in die Wangen stieg. „Erstmal halt ihn ganz locker.“, wies sie sie an und zeigte es an ihrer Kippe. Zwar hatte auch Marie noch nie gekifft, aber als Raucherin wusste sie, wie man zog und eine Kippe hielt. „Und jetzt ziehst du einfach dran. Versuch danach noch ein bisschen Luft mit einzuatmen, dass ist vielleicht einfacher.“.
Und Anna zog. Dann hustete sie los. Und dann brach die ganze Gruppe in schallendes Gelächter aus. „Heyyy, ich hab doch davor noch nicht mal an ner Kippe gezogen“, verteidigte sich Anna lachend. Marie versicherte ihr, dass das beim ersten mal Rauchen ganz normal sei und nach einigen weiteren Versuchen klappte es dann auch ganz gut.

Nach und nach wurde es immer kühler. Marie konnte, trotz ihres steigenden Alkoholpegels, ein Zittern nicht ganz unterdrücken. Über ihre und Annas nackte Beine hatte sie bereits Nermins Jacke gelegt, aber ihr weit ausgeschnittenes Top war wohl doch etwas zu kühl gewesen.
Fabian, der ihr Zittern bemerkt hatte, bot ihr fürsorglich seine Jacke an. „Neiiin, behalt‘ sie. Sonst frierst du doch.“, wehrte sie die Jacke ab, doch Fabi bestand darauf, dass sie sie anzog und Marie gab nach. Sie stand auf um die Jacke über zuziehen und taumelte prompt wieder nach hinten. Lachend landete sie auf Annas Schoss und die beiden Mädchen brachen in schallendes Gelächter aus.
Dann rutschte Marie wieder auf ihren Platz und drehte sich grinsend zu Fabi
Aus einem plötzlichen Impuls heraus, griff sie in sein dunkles Haar und begann, ihm wie einem Hund, über den Kopf zu streicheln. „Du hast wirklich weiche Haare.“, stellte sie begeistert fest, „Wirklich weich. Was machst du nur, dass die so weich sind?“, fragte sie und Ihr Mund bildete ein O. Fabian musste lachen und nahm Marie den zweiten, noch fast vollen, Becher aus der Hand. „Du hattest wohl genug davon, schätze ich“, stellte er noch immer grinsend fest. „Neiiin“, jammerte Marie mit gespielter Verzweifelung und schon kam Anna ihr zur Hilfe. „Ach komm schon, Fabi. Von Alkohol kann man doch nie genug haben.“, verteidigte sie Marie. Dann nahm sie Fabi den Becher wieder aus der Hand und reichte ihn an Marie zurück. Diese nickte zustimmend in Fabis Richtung. „Das ist mal eine gute Freundin! Eine wirklich gute Freundin. So gehört sich das!“, verkündete sie lachend und legte den Arm um Annas Schulter.
Der Rest des Abends blieb ihnen nur Schleierhaft in Erinnerung.

6 – Marie

Als sie sich nach dem Pizzaessen auf den Weg zurück Richtung Hostel machten, war Marie schon ziemlich betrunken. Oli hatte eine Flasche Wodka mitgenommen, den die beiden innerhalb einer Stunde komplett geleert hatten. Jetzt liefen sie Arm in Arm die Straße entlang und sangen schrill irgendwelche Schlager vor sich hin. Marie war zum ersten Mal an diesem Tag wirklich glücklich. Alkohol war eben doch die Lösung aller Probleme. Zum Glück waren die Lehrer nicht mehr bei ihnen. Die Schüler hatten jetzt offiziell Freizeit und Marie war mit den Jungs, die sie aus dem Rauchereck kannte, Chrissi, Ina und Anna auf der Suche nach der nächst gelegenen U-Bahnstation.
Als eine dicke Frau in einem knall türkisen Jogginganzug an ihnen vorbei lief, boxte Marie Anna, ohne groß darüber nachzudenken, gegen die Schulter und schrie „Augenkrebs!“. Das war früher einmal eine Tradition zwischen den beiden Mädchen gewesen. Immer, wenn eine von ihnen jemanden gesehen hatte, der sich unmöglich kleidete oder schlichtweg hässlich war, musste sie den Andere boxen und laut „Augenkrebs“ rufen.
Doch noch während sie ihre Faust wieder zurück zog, bereute sie es auch schon. Schließlich hatten sie das seit Ewigkeiten nicht mehr gemacht und Marie war sich nicht sicher, wie Anna zu ihr stand. Zu ihrer Erleichterung fing diese an lauthals zu lachen. Das Eis war gebrochen.
Die Frau im Jogginganzug drehte sich abrupt um und bedachte sie mit einem vernichtenden Blick. Das führte jedoch nur dazu, dass die beiden noch mehr lachen mussten.
„Weist du, Anna“, sagte Marie, als sie sich wieder ein Wenig beruhigt hatten, „das hab ich wirklich vermisst!“
Anna zögerte kurz, dann nickte sie. „Ich auch“.
Ohne es zu bemerken, waren sie ein gutes Stück hinter der Gruppe zurückgefallen.
„Weist du eigentlich, wie verdammt Leid mir das alles tut?“, wenn Marie betrunken war, konnte sie schnell mal etwas sentimental werden. Außerdem hatte der Alkohol ihr gerade genug Mut gemacht, die längst überfälligen Worte endlich auszusprechen. Doch das Thema und Annas mögliche Reaktion machten sie trotzdem nervös. Anna blieb stehen und schaute sie prüfend an. „Naja… ehrlich gesagt, nicht wirklich. Ich habs mir vielleicht gedacht, aber du hättest halt schon mal was sagen können.“. „Ich weiß“, stöhnte Marie und Reue stieg in ihr hoch. „Ich hab mich einfach nie getraut. Du hast ja keine Ahnung, wie schlecht ich mich deswegen immer noch fühle… Ich mein, du warst meine beste Freundin. Ihr alle… ihr alle wart meine besten Freundinnen! Ich hab immer gedacht, ihr habt eine bessere Freundin als mich verdient… Ihr seid so oft auf mich zu gekommen und habt gefragt was los ist. Und ich hab euch immer abgewiesen. Bin nie drauf eingegangen… Ich war einfach so dumm, weißt du? So ein richtiges Arschloch. Wer tut seinen Freunden sowas an? Ich mein, nicht mal den Mund aufkriegen für eine Entschuldigung. Das ist schon hart? Kannst du mir verzeihen?“, ihre Stimme versagte. Sie musste einmal tief Luft holen, damit ihr nicht die Tränen kamen. „Ich hab mich einfach so geschämt“, flüsterte sie und schaute zu Boden. „Ich dachte, ihr hasst mich. Und dazu hättet ihr ja auch alles Recht der Welt.“
Eine einsame Träne rollte ihr über die Wange. Irgendwie brach gerade alles über ihr zusammen. Die Reue für die Fehler aus der Vergangenheit, ihre Sorge wegen Lewi und Victoria und irgendwie auch eine Art schlechtes Gewissen wegen Fabi.
Sie drehte sich weg, um die Träne aus dem Gesicht zu wischen. Doch die Geste entging Anna nicht. „Heeey“, sagte sie beschwichtigend. „Soo schlimm ist das doch gar nicht. Das ist doch alles schon ewig her… fast 3 Jahre jetzt… Und ja, vielleicht waren wir damals verletzt und auch sauer, aber das Leben geht doch weiter… oder nicht?“ Marie schüttelte den Kopf. „ Es war nie mehr wie früher. Ich hatte echt immer das Gefühl, euch etwas schuldig zu sein. Und egal was ich gemacht hätte, das Gefühl wäre eh nicht weggegangen.“. „Aber das stimmt doch so überhaupt nicht. Das Ganze, was du eben gesagt hast… das hätte echt gereicht! Wir machen doch alle mal Fehler. Dafür sind wir doch Freunde… Und ganz ehrlich? Eigentlich hab ich immer Moritz die Schuld für das Alles gegeben.“. Daraufhin grinste sie: „Du kannst sagen was du willst, aber ich hasse diesen Typen einfach.“. „Aber hallo!“, bekräftigte Marie sie und die nächsten zehn Minuten ließen sie sich leidenschaftlich über Moritz aus. „Und weist du, was das schlimmste war?“ setzte Marie, die jetzt wieder bester Laune war, erneut an, „er hatte einen ganz kleinen…“ Sie schaute Anna verschwörerisch in die Augen. „Nein!?“, Anna prustete los „Und trotzdem warst du so lange mit ihm zusammen?“. „Ja schon, fast zwei Jahre“, Marie nickte. „Aber weist du, damals hatte ich eben keinen Vergleich. Woher sollte ich denn wissen, dass er klein ist.“ Sie lachte, aber Anna schien das irgendwie nachdenklich zu stimmen. Sie wechselte schnell das Thema, um die gute Laune aufrecht zu erhalten. „Sagmal, die da vorne haben echt auch überhaupt kein Plan wo sie lang müssen oder? Ich bin mir sicher, dass wir vorher nicht so lange laufen mussten“. Anna grinste wieder. „Ja man, die sind wahrscheinlich so breit, dass sie nich mal mehr wissen wo vorne und hinten ist“. „Haha, ja schon“, pflichtete Marie ihr bei.
Sie liefen eine Weile schweigend nebeneinander her. Schließlich ergriff Anna vorsichtig das Wort: „Du bist doch noch mit Lewi zusammen, oder?“. „Ja, schon…“ sagte Marie leicht verwirrt über diese Frage. Sie hatte angenommen, Anna wüsste das.
„Wieso fragst du?“, wollte sie wissen.
„Mh… nur so“, wich Anna ihrer Frage aus.
Wieder Schweigen. „Also… du musst jetzt nicht antworten, wenn du nicht willst, aber… naja, läuft da was zwischen dir und Fabi?“, platzte Anna plötzlich einfach raus. Überrascht blieb Marie stehen. „Dein Ernst?“, fragte sie mit einem leicht wütenden Unterton.“ Hast du das von Lewi?“.
Sie konnte nicht glauben, dass Lewi nun alle möglichen Leute darauf ansetzte, sie zu Überwachen.
„Hä? Nein. Wieso?“, Anna schien sichtlich verwirrt über die Frage zu sein. „Keine Ahnung er sagt das immer…“, murmelte Marie schuldbewusst, wegen ihrem unbegründeten Zorn und zuckte mit den Schultern. „Also?“, wollte Anna wissen. Marie hatte ganz vergessen, wie beharrlich Anna sein konnte, wenn sie etwas unbedingt wissen wollte.
„Also nein, da läuft nichts“, stellte Marie klar. „Sorry, ich dachte nur…“, setzte Anna zu einer Erklärung an. „Ach keine Ahnung, ich hab euch halt vorhin im Zug gesehen. Ihr habt schon irgendwie ziemlich vertraut ausgesehen, wenn du verstehst was ich meine.“, schloss sie. Ein kleines Lächeln schlich sich auf Maries Gesicht. „Ne, da ist wirklich nichts. Ich hab einfach oft Stress mit Lewi und Fabi ist einfach immer für mich da. Also wirklich immer. Ihm macht’s nie was aus, wenn ich Nachts mal anrufe und reden will, weil wieder irgendwas ist. Noch nie hat er gesagt, ne sorry keine Zeit oder sowas. Das ist mir halt einfach echt viel Wert… und andersrum, denk ich mal, genauso. Außerdem hatte er auch bis vor ner Woche noch ne Freundin. Wir sind einfach nur richtig gute Freunde.“, beendete Marie ihre Erklärung, gerade rechtzeitig. Sie hatten endlich eine U-Bahn Station gefunden und die anderen warteten schon auf sie.

5 – Anna

Das Pizzarestaurant war eher ein großer, rustikaler Biergarten mit riesigem Aussenbereich. Anna war froh darüber, dass sie sich dafür entschieden hatte, das luftige Top gegen ein weiten Pullover mit tiefem V-Ausschnitt einzutauschen. Man konnte nur draußen sitzen. Die Gruppe teilte sich auf mehrere der länglichen Biertische auf und Anna hielt sich an an Chrissi und Nermin, die zusammen mit ihren anderen Freunden den Tisch ganz am Ende des Biergartens anstrebten. „Von hier hinten werden die schon nich merken, wenn wir nachher kurz verschwinden.“, hörte sie Nermin zu Fabian und Sebi sagen. „Jetz schieb‘ mal kein Stress Nermin! Es sieht eh so aus, als ob wir aufs Klo gehen würden.“, warf Sebi leicht genervt, leicht erheitert ein. „Wann genau steigt der Plan denn jetzt?“, wollte Fabian nun wissen. Anna konnte nicht anders, sie musste einfach fragen: „Was für ein Plan denn?“. „Schnauze!“, kam es von Sebi prompt zurück und Anna war wie vor den Kopf gestoßen. Wie schaffte dieser Kerl es eigentlich immer wieder, sie so zu verunsichern? Nermin legte ihr freundschaftlich einen Arm um die Schulter. „Wenn du versprichst nichts zu sagen, verrat‘ ich’s dir.“, raunte er mit verschwörerischer Stimme. Anna verdrehte über diese kindischen Spielereien ironisch die Augen, doch die Neugier gewann Oberhand und schließlich gab sie nach: „Okay, versprochen, ich werd‘ nichts sagen. Also erzähl schon.“. „Wenn alles glatt läuft, haben wir zu dritt 20gggg Ott am Start.“, verkündete Fabian voller Vorfreunde, wobei er das g englisch betonte und seltsam in die Länge zog. Anna verstand nur Bahnhof. Nermin, dem ihr verwirrter Blick nicht entgangen war, lachte und erklärte ihr auf einen finsteren Blick hin: „Ein Kollege von Sebi hat 20 Gramm Gras für uns organisiert. Wir treffen uns nachher mit nem Kumpel von ihm und machen das klar. Wenn du nett fragst, bekommst du vielleicht auch was ab.“. „Achsooo“, entfuhr es Anna, „Gras!“. „Psst!“, zischte Sebi, „oder willst du, dass die Lehrer was checken?“. „Ja sorry, ich bin schon still.“, erwiderte sie. Mittlerweile hatten sie sich alle am Tisch niedergelassen und studierten hungrig die Speisekarte. Anna hatte eigentlich nicht so sonderlich großen Hunger. Vor allem nicht genug für eine ganze Pizza. „Teilt sich jemand was mit mir?“, fragte sie in die Runde. „Ich teil mir schon was mit Ina“, erklärte Chrissi entschuldigend. „Kannst du auf Schinken verzichten?“, fragte jemand plötzlich von links. Anna drehte sich um. Sebi schaute sie fragend an. „Was?“, wollte sie irritiert wissen. „Äh ja, kann ich wieso?“, setzte sie dann noch hinzu. „Gut, dann teil ich mir eine mit dir.“, verkündete er und nickte ihr kurz zu. „Salami?“, fragte sie dann, nach kurzen Zögern. „Okay“, sagte er und drehte sich dann wieder zu seinen Freunden. Der war ja vielleicht gesprächig, dachte sich Anna kopfschüttelnd. Bloß kein Wort zu viel. Aber das kannte sie bereits ansatzweise von Nermin, wenn dieser mal wieder etwas geraucht hatte. Offensichtlich kiffte auch Sebi ab und zu mal ganz gerne. „Auf ne geile Woche in Berlin!“, tönte die Stimme von Oli, am anderen Ende des Tisches. Einstimmig hoben sie die Gläser.