12 – Anna

Nachdem sie den Joint fertig geraucht hatten, machten sie sich auf den Weg zur Bar. Marie und Anna gingen in einigem Abstand vorne weg und konnten vor Lachen kaum mehr gerade gehen, oder war das der Alkohol? „Jetzt gib es schon zu!“, forderte Marie ihre Freundin auf, „Sebi gefällt dir.“. Anna musste plötzlich zielich dämlich Grinsen und antwortete dann schuldbewusst: „Okaaaaay, ja vielleicht ein bisschen. Aber weißt du, eigentlich bin ich ja mit Maxi zusammen. Und der Sex ist wiiiiirklich gut.“.
Marie fing nun auch wieder an zu lachen und meinte schließlich scherzhaft: „Woher willst du das eigentlich wissen, du hast doch gar keinen Vergleich?“. Anna versuchte sie grimmig anzuschauen, doch ihre Mundwinkel wollten einfach nicht unten bleiben. Gerade wollte sie etwas erwidern, da wurden die Stimmen der Jungen lauter und Sebi rief unüberhörbar: „Shotgun Anna!“. Direkt im Anschluss folgte Fabi, der „Shotgun Marie!“, schrie, während Nermins Shotgun im Gejohle der beiden anderen unterging.
„Ich glaube, wir wurden gerade geshotgunt!“, stellte Marie lachend fest und sie betraten gemeinsam die Bar. Die Einrichtung war nicht gerade modern, eher etwas schäbig, aber trotzdem wirkte es gemütlich. Sie entschieden sich für eine Sitzecke im hinteren Teil der Bar. Sebi und Anna setzten sich auf die Couch mit dem Rücken zur Wand und die anderen drei ließen sich auf den Sesseln ihnen gegenüber nieder.
„Hoffentlich fragt uns hier keiner nach nem Ausweis.“, gab Anna zu bedenken, während sie die Getränkekarte studierte. „Zieh dein Top einfach ’n bisschen weiter runter und niemand stellt mehr Fragen.“, kommentierte Sebi völlig gelassen, doch Anna war wieder komplett wie vor den Kopf gestoßen. Wie konnte er ständig solche Sachen sagen, ohne davor auch nur fünf vernünftige Sätze mit ihr gewechselt zu haben? Sein Verhalten war schlichtweg dreist. Was bildete er sich eigentlich ein, sie ständig von der Seite anzubaggern? Sie würde ihm sicherlich nicht die Genugtuung geben und sich oder ihm gegenüber eingestehen, dass sein seltsamer Charme sie beinahe um den Verstand brachte.
„Und was nehmt ihr?“, fragte sie, als sie sich wieder einigermaßen gefasst hatte, in die Runde. „Ich denk, ich nehm n Bier.“, verkündete Nermin und Marie und Fabi hatten sich beide für irgendeinen Fruchtcocktail entschieden. „Ich weiß einfach nicht, ob ich lieber Pina Colada oder Swimmingpool nehmen soll.“, erklärte Anna und blickte die anderen fragend an.
„Also, wenn du magst, können wir einfach beide bestellen und sie uns teilen. Dann musst du dich jetzt nicht entscheiden.“, schlug Sebi überraschenderweise vor und Anna willigte ein. Schließlich gab es nichts gegen dieses Angebot einzuwenden. Nachdem sie bestellt hatten, begannen Marie, Fabi und Nermin ein angeregtes Gespräch, doch die Musik war zu laut, als dass Anna dem Gespräch hätte folgen können.
Da die Cocktails auf sich warten ließen, griff sie stattdessen immer wieder zu den Salzstangen, um eine Beschäftigung zu haben. Gerade wollte sie sich erneut ein paar nehmen, da hielt Sebi ihr auch schon das ganze Salzstangenglas hin. „Ähm… danke.“,  sagte sie ein wenig verwirrt von der plötzlichen Freundlichkeit.
„Du stehst wohl ziemlich auf Salzstangen.“, bemerkte er grinsend und blickte auf das halbleere Glas in seiner Hand. „Naja, ich hab Hunger und die sind eben lecker.“, erklärte Anna, ein wenig irritiert über das Gesprächsthema.
„Marie sagt, du kommst auch aus Hessen.“, wechselte er nun das Thema. Er schien wohl selbst bemerkt zu haben, wie seltsam es war über Salzstangen zu reden und Anna ging dankbar auf den Themenwechsel ein: „Ja, ich bin vor fast vier Jahren hergezogen. Kommst du auch von da?“. „Bin vor drei Jahren hergezogen.“, antwortete er und endlich kamen ihre Getränke.
Nachdem sie beide Cocktails probiert und sich darauf geeinigt hatten, dass jeder die Hälfte trinkt und sie dann die Gläser tauschen würden, beobachtete Anna den Jungen neben sich unauffällig. Vielleicht war er gar nicht so cool und oberflächlich, wie er immer wirkte, schoss es ihr durch den Kopf. Vielleicht war das einfach nur eine Art Maske, um Ereignisse, wie den Umzug, besser verkraften zu können. Sie selbst konnte sich immer noch zu deutlich daran erinnern, wie damals eine Welt für sie zusammen gebrochen war. Mittlerweile fühlte sie sich am See sehr wohl, sie hatte viele gute Freunde gefunden und wollte gar nicht mehr weg, doch zu Beginn war es wirklich schwer für sie gewesen.
„Wieso seid ihr umgezogen?“, wollte sie neugierig wissen und Sebi zuckte mit den Schultern. Dann begann er zu erzählen: „Meine Mom hat nen neuen Typen kennengelernt und über sechs Stunden Entfernung klappt sowas schlecht. Deswegen sind wir dann zu ihm gezogen, und du?“.
„Bei mir war es wegen der Arbeit von meinem Dad. Er musste sich zwischen der Schweiz und dem Bodensee entscheiden und da sind wir lieber in Deutschland geblieben.“, berichtete sie. Es fühlte sich komisch an, wieder darüber zu reden. Es hatte sie schon jahrelang niemand mehr danach gefragt und sie merkte, wie gut es tat, darüber zu reden. Vor allem mit jemandem, der sie zu verstehen schien.
„Du scheinst nicht so der Fan von dem neuen Freund deiner Mom zu sein.“, stellte sie dann fest und blickte Sebi forschend in die grünen Augen. „Naja, er is jetz nich so der gechillte Typ, wenn du verstehst. Aber mein kleiner Bruder versteht sich gut mit ihm und er macht meine Mom glücklich, also was soll’s.“. Sebi schien die letzten Worte mehr an sich selbst, als an Anna gerichtet zu haben und sie schwieg.
„Wie gefällt’s dir denn jetz so am See?“, wollte er von ihr wissen, als er wieder aus seinen Gedanken erwachte. „Also am Anfang hab ich es gehasst.“, gab Anna kleinlaut zu und sah wie ein wissendes Grinsen über Sebis Gesicht huschte, „Aber mittlerweile gefällt es mir. Ich meine, ich habe viele tolle Freunde gefunden und den See direkt vor der Haustür zu haben, ist auch nicht so schlecht. Und dir?“.
„Ist bei mir ziemlich ähnlich. Klar fand ich am Anfang alles Scheiße. Mich hat der ganze Umzug ziemlich fertig gemacht, aber jetz find ichs echt chillig. Die Leute hier sind voll korrekt und ganz ehrlich, so was, wie die Nordstädtler findet man sonst nirgends. Das sind keine Freunde. Das is ne große Familie, die immer für dich da is und egal wann, du kannst einfach auf n Spielplatz oder auf die Staße gehen und irgendjemanden triffst du immer.“, erzählte er stolz und ein Funkeln trat in seine Augen, das Anna noch nie zuvor an ihm gesehen hatte. Sie hatte nicht einmal gedacht, dass er so leidenschaftlich und emotionsvoll reden konnte.
„Das hört sich wirklich ziemlich toll an.“, gestand Anna und Bewunderung schwang in ihrer Stimme mit. „Ich kann dich ja mal mitnehmen.“, schlug Sebi vor und lächelte, „Glaub mir, die würden dich mögen. Jeder, der korrekt is, wird mit offenen Armen empfangen. Ich mein, ich kannte am Anfang gar keinen und dann kam Nick rüber, weil er bei mir um die Ecke wohnt und hat mich einfach mitgenommen einen rauchen. Das war meine erste Tüte.“, bei den Erinnerungen trat wieder dieses bekiffte, selbstzufriedene Grinsen auf sein Gesicht, „Und von da an war ich immer mit dabei. Echt korrekte Leute.“, schloss er zufrieden.
„Ähm.“, unterbrach Marie plötzlich ihr Gespräch, „Es ist schon zehn vor Eins und die Lehrer haben doch gesagt, sie warten am Eingang und wer nach Eins kommt, darf morgen Abend nich mehr raus. Lasst jetz mal lieber gehen, oder?“. „Mensch Marie, chill halt Mal.“, fuhr Sebi sie in gewohnt harschem Ton an und Anna musste ihm ausnahmsweise Recht geben. „Also ich denk nich, dass die das wirklich machen. Als ob die extra so lange aufbleiben würden, um uns zu kontrollieren. Außerdem haben wir die Cocktails noch lange nich leer und die sind mit Sahne, die kann man nich so einfach runter kippen.“, erklärte sie den Anderen mit einem Blick auf ihre fast vollen Gläser. Außerdem hatte sie sich gerade das erste Mal so richtig mit Sebi unterhalten, wer wusste schon, wann er je wieder so gesprächig seien würde.
„Ja stimmt schon.“, pflichtete Nermin ihr bei, „aber mir is das auch zu heikel. Ihr könnt ja einfach nachkommen, wenn ihr ausgetrunken habt.“. Alle waren mit diesem Vorschlag einverstanden und so verließen die drei anderen die Bar und ließen Anna allein mit Sebi zurück.
Hoffentlich wird das jetzt nicht komisch und wir haben uns gar nichts mehr zu sagen, dachte Anna, doch ihre Befürchtungen waren grundlos.
Sobald die Tür hinter den Anderen ins Schloss gefallen war, lief das Gespräch zwischen ihnen wieder völlig zwangslos weiter. Sie redeten über ihre Heimatstädte in Hessen, über die Cocktails und schließlich kamen sie zum Thema Schule.
„Sag mal, was für Leistungskurse hast du eigentlich?“, fragte Anna und bemerkte auf Grund ihres Alkoholpegels nicht, wie Sebis Arm, der zuvor hinter ihr auf der Lehne geruht hatte, sich langsam um ihre Schultern legte. „Englisch, Bio und GmK und natürlich Deutsch und Mathe, aber das hat ja jeder.“, zählte er auf. Seine Stimme war mittlerweile seltsam sanft geworden und hatte ihren typischen harten Unterton komplett verloren.
„Hmm, das is aber echt komisch.“, stellte Anna fest und streckte nachdenklich ihren rechten Zeigefinger in die Luft, „Ich hab nämlich auch Englisch und Bio und dann noch Kunst, aber ich hab dich in der Schule wirklich noch niiiie gesehen.“. Diese Tatsache schien ihn offensichtlich zu verwirren und er erwiderte: „Aber wir sind doch im selben Englischkurs. Du bist doch auch bei Frau Delingart.“.
„Ouuupsi“, kam es unverwandt aus Annas Mund. Jetzt erinnerte sie sich wieder daran, dass Chrissi ihr das bereits im Zug auf der Hinfahrt erzählt hatte, doch jetzt war es wohl zu spät für einen Rettungsversuch. „Ich hab dich wirklich nie bemerkt.“, gab sie schuldbewusst zu und klimperte unschuldig mit den Wimpern, in der Hoffnung er würde ihr so nicht böse sein können. Es klappte. Sein darauffolgendes Lachen war zwar ein bisschen heiser und man konnte nicht umhin zu bemerken, dass sein Ego durchaus verletzt worden war, doch dann fügte er grinsend hinzu: „Naja, kann schon gut sein, so selten, wie ich da bin.“. Und er war wieder ganz der Alte.
„Hast du mich denn bemerkt?“, wollte Anna schließlich grinsend wissen und Sebi grinste noch breiter zurück. „Aber klar doch! Ein so heißes Mädchen, wie dich, bemerk ich doch sofort.“. Und Anna merkte, wie sein Blick begierig über ihren Körper wanderte. Langsam wurde ihr ziemlich heiß und dass sie, wegen des Alkohols, keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte, half ihr auch nicht gerade weiter. „Aber ich muss zugeben, dass ich dich falsch eingeschätzt hab.“, sprach Sebi weiter und lachte kurz auf, „Ich dachte irgendwie du wärst ziemlich eingebildet und würdest dich für was Besseres halten.“.
„Du meinst, so wie du?“, lachte Anna scherzhaft und das Sebis Grinsen wurde nur noch breiter. „Haha genau.“, meinte er, „Aber jetz weiß ich ja, dass ich mich getäuscht hab.“, beendete er seine Erzählung und es herrschte eine spannungsgeladene Stille zwischen ihnen. Anna bemerkte nun das erste Mal seinen Arm um ihren Schultern und plötzlich wurde ihr seine Nähe mit aller Wucht bewusst. Ihr wurde heiß, ziemlich heiß und sie hielt diese Spannung nicht mehr länger aus.
Schlagartig befreite sie sich von Sebi und stand auf. „Ich geh mal aufs Klo.“, sagte sie zersträut und hastete in Richtung Toiletten. Sobald sie die Tür der schäbigen kleinen Kabine hinter sich geschlossen hatte, blickte sie sich im Spiegel an. Was war nur los mit ihr? Was dachte sie sich bloß dabei? Sie war verdammt nochmal glücklich mit Maxi zusammen! Er war der Richtige, da war sie sich ganz sicher. Und, was auch immer da gerade zwischen ihr und Sebi gewesen war, musste augenblicklich aufhören. Das lag doch sowieso nur am Alkohol. Anscheinend war das Antibiotika, wohl doch noch nicht wieder ganz aus ihrem Körper draußen und deswegen haute der Alkohol so rein. Oder es war die Mischung zwischen Alkohol und Gras, was laut Nermin, auch nicht gerade die beste Kombination war.
Aber egal was es war, Eines war klar. Sie musste sich jetzt zusammen reißen, ihre Gedanken ordnen und dann so schnell wie möglich in ihr Bett kommen, bevor sie noch irgendetwas anstellte, dass sie später bereuen würde.
Nachdem sie sich noch ein wenig kühles Wasser in den Nacken gerieben hatte, ins Gesicht konnte sie es wegen des Make-Ups schließlich nicht spritzen, öffnete sie die Tür und ging zurück zu Sebi. „Ich denke wir sollten jetzt auch Mal gehen.“, verkündete sie mit ungewollt unsicherer Stimme und leerte ihr Glas in einem Zug. „Haha ja, da hast du wahrscheinlich Recht.“, meinte Sebi zu ihrer Überraschung und zeigte dann grinsend auf die Kellnerin, wie bereits begonnen hatte, den Boden zu wischen. „Außer uns is hier schon seit ner Weile niemand mehr und ich glaub, die wollen schließen.“, setzte er lachend hinzu.
Also gingen sie vor zum Tresen, zahlten die Getränke und verließen letztendlich die Bar. Draußen war es mittlerweile eisig kalt geworden und auch der Regen hatte nicht nachgelassen. Anna, die nichts weiter, als eine kurze Lederjacke über ihrem Top trug, konnte ein Zittern und Zähneklappern nicht unterdrücken.
„Ist dir kalt?“, fragte Sebi, irgendwie selber etwas überfordert mit der Situation. Anna verdrehte genervt die Augen, aber es war zu dunkel, als dass er es hätte sehen können. Deshalb riss sie sich zusammen und antwortete mit zusammen gebissenen Zähnen, um das Klappern zu unterdrücken: „Nein, geht schon.“. Sie lief los in Richtung Hostel, da sie keine Lust hatte, noch länger dumm im Regen herumzustehen, doch Sebi hielt sie zurück.
„Laber kein Scheiß!“, sagte er bestimmt und seine Stimme hatte die übliche Härte wiedergefunden. Er streifte sich, wenn auch ein wenig widerstrebend, die Jacke von den Schultern und reichte sie ihr. „Jetzt zieh sie schon an, oder willst du, dass ich umsonst friere.“, forderte er sie barsch auf, doch irgendwo in seinem Blick konnte Anna auch ein wenig Fürsorge erkennen, was sie so sehr überraschte, dass sie sich nicht wehrte, als Sebi ihr in die Jacke half. Dann legte er ihr bestimmt eine Hand auf den Rücken und schob sie vorwärts in Richtung Hostel.
Schnell beschleunigte Anna ihre Schritte, um der Hand an ihrem Rücken zu entkommen und Sebi schien das zu bemerken, und ruckartig zog er seine Hand zurück. „Hey, alles okay?“, wollte er leicht besorgt wissen und Anna nickte nur. Sie waren nun im Eingangsbereich des Hostels angekommen und sie streifte die Jacke ab, auch wenn sie eigentlich noch immer ziemlich fror.
Dann streckte sie sie Sebi entgegen und bemerkte, wie verwirrt und verständnislos er dreinschaute. Jetzt tat Anna ihr Verhalten irgendwie leid. Es war offenkundig, dass er sich fragte, was er falsch gemacht hatte. Er konnte ja nicht wissen, was zu ihrem plötzlichen Stimmungswandel geführt hatte. Aber eigentlich müsste er sich wohl denken können, was los war. Dass sie mit Maxi zusammen war, war ja nun wirklich kein Geheimnis.
„Danke“, fügte sie schuldbewusst lächelnd hinzu. „Gern geschehen“, meinte er nur und sein alles gewinnendes mir-gehört-die-Welt-Grinsen kehrte zurück. Bei dem Anblick begann ihr Herz plötzlich schneller zu schlagen und sie konnte erneut keinen klaren Gedanken mehr fassen.
„Willst du nicht rüber gehen?“, fragte er, von ihrem plötzlichen Aussetzer ganz verwirrt. „Ähm“, kam es von Anna und sie wollte gerade in die Richtung der Mädchenzimmer gehen, da fiel ihr auf, dass sie gar keine Schlüsselkarte bei sich hatte. „Ich hab die Karte nicht!“, sagte sie gedankenverloren und zog ihr Handy aus der Tasche. Sie wollte gerade Marie schreiben, als sie feststellte, dass Marie ihr bereits geschrieben hatte. „Ich komm noch kurz mit dir hoch.“, erklärte Anna an Sebi gewannt, „Marie hat geschrieben, sie ist noch oben bei euch im Zimmer und sie hat die Schlüsselkarte. Außerdem hab ich mein Ladekabel noch oben liegen.“.
Die Beiden stiegen erschöpft die Treppen hinauf, auch die Jungen hatte ein Zimmer ganz oben im Dachgeschoss. „Weißt du“, setzte Sebi leicht keuchend an, „Du bist wirklich schwer in Ordnung, Anna.“. Sie musste lachen und gleichzeitig breitete sich ein warmes Gefühl in ihrer Magengegend aus. So banal das Kompliment auch war, es was dennoch ein Kompliment und es schien von Herzen zu kommen. „Du auch.“, gab sie schnaufend zurück. Die beiden grinsten sich an und Anna war sich nicht sicher, ob das schnelle Schlagen ihres Herzens allein von der Anstrengung des Treppensteigens herrührte.
Oben angekommen stieß Sebi die Tür auf und der Anblick erstaunte sie beide, denn das Licht war aus und es schien, als würden alle bereits schlafen. „Marie“, flüsterte Anna in die Dunkelheit hinein. „Ja, hier bin ich.“, kam es aus einer Ecke des Raums zurück, „Wir sind noch wach, ihr könnt das Licht ruhig anmachen.“. Und genau das taten sie. Wolfram, Oli und Nermin schienen bereits zu schlafen, doch Marie und Fabi waren offensichtlich noch wach. Trotzdem lagen sie zusammen unter der Decke in Fabis Bett und es sah so aus, als wären sie kurz vor dem Einschlafen.
„Marie, kommst du jetzt.“, forderte Anna ihre Freundin auf, „Wir müssen mal langsam rüber in unser Zimmer.“. Fabi ließ ein undefinierbares Grummeln hören und Marie erklärte, halb gähnend, halb sprechend: „Ach komm schon, Anna, lass doch einfach hier schlafen. Ich will jetz nich mehr aufstehen.“.
Anna glaubte kaum, was sie hörte, doch sie war tot müde und wollte nichts andres als Schlafen, also ließ sie Maries Aufforderung unkommentiert. Sie ging hinüber zu Sebis Bett und sammelte ihr Ladekabel auf. Dann fiel ihr wieder das Problem mit der Zimmerkarte ein und sie fragte entnervt: „Marie, wo ist die Karte, ich komm drüben nich rein?“. Ihr Kopf dröhnte und langsam nahm sie Marie ihr Verhalten wirklich übel. War es denn zu viel verlangt, ihr einfach schnell die Karte zu geben, damit sie endlich schlafen konnte?
„Ich weiß nich.“, murmelte Marie schlaftrunken. „ Bleib doch auch hier, ich will nich allein hier schlafen und sonst müssen wir jetzt ewig nach der Karte suchen.“,  nörgelte sie und blickte Anna flehend an.
Damit war Annas Widerstand endgültig gebrochen. Sie ließ sich schwerfällig aufs Bett plumpsen und sah dann fragend zu Sebi hinüber. Dieser schien von der plötzlichen Wendung des Geschehens ganz überrascht zu sein und nickte nur.
„Mist“, bemerkte Anna, als sie sich gerade hinlegen wollte, „meine Sachen sind ganz nass, wenn ich jetz so schlafen geh, bin ich morgen gleich wieder krank. Ich geh vielleicht doch lieber rüber und weck die Andern auf.“. „Achwas, du kannst ne Baggy und n T-Shirt von mir haben.“, meinte Sebi und hielt ihr beides hin. Anna nahm das Angebot widerstandslos an. Sie war sich sowieso nicht sicher, ob sie Ina und Chrissi durch pures Klopfen überhaupt wach bekommen hätte.
Nachdem Sebi das Licht gelöscht hatte, schälte sie sich aus den nassen Klamotten und schlüpfte in die trockenen Kleider, die er ihr gegeben hatte. Dann legte sich sich vorsichtig zu ihm unter die Decke.
Plötzlich war die Müdigkeit wie weggeblasen, ihr Herz raste und ihre Wangen begannen zu glühen, obwohl sie am restlichen Körper noch immer vor Kälte und Nässe zitterte. „So kalt?“, hörte sie Sebis Stimme direkt neben ihrem Ohr, so leise, dass nur sie es hören konnte. Ein Schaudern lief ihr über den Rücken und Sebi, der das verstärkte Zittern wohl als „Ja“ interpretiert hatte, schmiegte sich leicht an sie.
Erst wollte sie intuitiv flüchten, doch dann merkte die, dass sie bereits halb auf dem harten Bettgestell lag und dann womöglich ganz hinunterfallen würde, also schlug sie sich den Gedanken gleich wieder aus dem Kopf. Aber in dieser Position konnte sie unmöglich einschlafen, ihr Rücken schmerzte jetzt schon wie verrückt. „Kannst du ein bisschen rücken?“, flüsterte sie zaghaft in Sebis Richtung und sie spürte förmlich, wie sich sich Mund zu einem Lächeln verzog.
„Ich lieg schon fast komplett auf der Kante, das Bett ist eben nicht so groß.“, protestierte er leise. „Du wolltest hier schlafen, dass musst du da jetz auch durch.“, flüsterte er mit spielerisch drohender Stimme.
Und wie sie es auch drehte und wendete, er hatte Recht. Das Bett war schlichtweg zu klein für zwei Personen und ohne ein bisschen Körperkontakt würden sie vermutlich beide keinen Schlaf finden.
Also drehte sie sich vorsichtig zu ihm um. Instinktiv legte er seinen Arm um sie und Anna bettete ihren Kopf auf seine Brust. Sie konnte kaum fassen, was sie da gerade tat, doch für weitere Gedanken und Vorwürfe war sie schlichtweg zu müde.
Als die beiden endlich eine bequeme Position gefunden hatten und es im Zimmer still geworden war, bemerkte Anna plötzlich Sebis Herzschlag, der direkt unter ihrem Ohr pulsierte und war überrascht, dass sein Herz mindestens genauso raste, wie das ihre. Dieser Kerl war wirklich ein Rätsel, dachte sie, kuschelte sich instinktiv, ohne es recht zu bemerken, ein wenig enger an ihn und schlief zufrieden lächelnd ein.

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