14 – Marie

Was bisher geschah: Zwischen Fabi und Marie scheint sich langsam mehr als nur Freundschaft zu entwickeln. Auch Anna zeigt offensichtlich Interesse an Sebi, trotz ihrer Beziehung zu Maxi. Marie und Anna verbrachten die vergangene Nacht im Zimmer der Jungen und teilten sich mit ihnen sogar das Bett.

„Marie, du solltest was essen.“, Fabi streckte ihr auffordern seinen Döner entgegen. Widerwillig nahm sie einen Bissen. Sofort wurde ihr kotzübel und als er gerade weg schaute, spuckte sie den Döner in ein Taschentuch und ließ es unauffällig in einen Mülleimer fallen. „Schmeckt gut oder?“, Fabi lächelte sie an. Sie nickte nur und versuchte zurück zu lächeln. Eigentlich war ihr so gar nicht zum Lachen zumute. Am Liebsten würde sie sich einfach in ihr Bett legen und sich die Seele aus dem Leib heulen. Ihr war noch nie in ihrem gesamten Leben so elend zumute gewesen. Was hatte sie sich nur dabei gedacht, bei Fabi zu schlafen? Hatte sie den Verstand verloren? Wenn nicht, dann wenigstens ihre Würde. Marie hatte sich selbst immer als einen treuen Menschen gesehen. Sie hasste jegliche Art von Betrug und schon beim Gedanken an einen Anderen, als ihren Freund, bekam sie ein unglaublich schlechtes Gewissen. Sie fühlte sich wie der schrecklichste Mensch auf der ganzen Welt. Das schlimmste war wahrscheinlich, dass sie sich nicht einmal mehr richtig an letzte Nacht erinnern konnte. Sie waren aus der Bar zurück gekommen und sie und Fabi hatten noch eine geraucht, während Nermin schon nach oben gegangen war. Dann war sie mit Fabi noch auf sein Zimmer mit gekommen. Um die Anderen nicht zu wecken, hatten sie das Licht ausgelassen. Was dann? Marie dachte scharf nach. Sie hatte sich auf sein Bett gesetzt, auf die Decke. Er hatte sich hingelegt und sie hatten sich leise unterhalten. Irgendwann hatte er sie zu sich unter die Decke gezogen. Sie hatte sich auf die Seite gelegt und versucht, ihn nicht zu berühren. Dann waren Sebi und Anna gekommen. Sie hatte schon fast geschlafen. Sie erinnerte sich noch, wie sie irgendwann in der Nacht aufgewacht war und bemerkt hatte, dass Fabi seinen Arm um sie gelegt hatte. Sie hatte sich wohl im Schlaf gedreht, denn nun lag sie mit dem Gesicht in seine Richtung. Er hatte gemurmelt, ob sie wach sei und sie hatte genickt. Dann hatte er ihr einen Kuss auf die Stirn gegeben. Marie wurde hundeelend, als sie daran dachte. Sie hatte sich nach diesem Kuss sofort aus seiner Umarmung befreit und sich von ihm weg gedreht. Aber sie hatte nicht umhin kommen können, seine Erektion zu spüren.
Ihre Augen begannen zu brennen. Sie konnte sich doch nicht in jemanden verlieben, während sie in einer Beziehung mit einem Anderen war. Wie konnte sie Lewi so etwas antun? Er saß vermutlich zu Hause und dachte gerade an sie und sie hatte nichts besseres zu tun, als sich zu Fabi ins Bett zu legen. Sie hatten vielleicht hier und da ein paar Unstimmigkeiten, aber Lewi konnte auch anders. Er hatte ihr schon so oft klar gezeigt, wie sehr er sie liebte. Er brachte ihr so oft einfach einen Strauß Rosen oder Pralinen mit. Er rief sie mitten in der Nacht an, um ihr zu sagen, dass er sie liebte. Er knuddelte sie immer in aller Öffentlichkeit und sagte jedem, der es hören wollte, dass sie seine Freundin und das tollste Mädchen auf der Welt war. Kurzum, er schien Marie wirklich über alles zu lieben.
Warum konnte sie sich nicht damit zufrieden geben? In jeder Beziehung gab es mal Stress. Das gehörte eben dazu. Was stimmte nur nicht mit ihr, dass ihr ein Mann nicht reichte? Sie hasste sich dafür, dass sie sich wünschte, Fabi zu küssen. Dass sie so gerne Zeit mit ihm verbrachte und seinem Charme nicht widerstehen konnte.
„Marie?“, hörte sie eine Stimme und erschrocken schaute sie auf. Sie war neben dem Mülleimer stehen geblieben, während die Anderen schon ein ganzes Stück weiter gelaufen waren. Anna schaute sie besorgt an und kam auf sie zu. „Ist alles in Ordnung bei dir?“. Marie schaute sie nur abwesend an, dann gab sie sich einen Ruck. „Klar“, sagte sie, vielleicht ein bisschen zu überschwänglich und hakte sich bei Anna ein. Anna schien ihr die Reaktion nicht wirklich abzukaufen, aber sie ging nicht weiter darauf ein. Dafür liebte Marie Anna. Sie war vielleicht neugierig, aber sie wusste auch, wann der richtige Zeitpunkt war, zu schweigen.

Endlich wieder im Hostel angekommen, eilten Nermin, Anna, Chrissi und Oli sofort auf ihre Zimmer. Sie hatten sich schon vor längerer Zeit für den Donnerstagabend Konzertkarten für Papa Roach organisiert und mussten sich bald schon wieder auf den Weg machen. Marie war eigentlich immer knapp bei Kasse und kannte außerdem nur ein paar Lieder der Band. Daher hatte sich dagegen entschieden mitzukommen, genauso wie Sebi, Fabi und Ina. Sie hatten es sich gerade im Raucherraum gemütlich gemacht, als Thomi TomTom, ein – ein bisschen seltsamer – Junge aus ihrer Stufe den Kopf durch die Tür steckte. „Hey Leute“, stotterte er. Thomi TomTom war rothaarig und er stotterte. Dass er sich selbst den Namen Thomi TomTom gab, machte seine Ernsthaftigkeit nicht gerade besser. Er erntete nur verwirrte Blicke, dennoch fuhr er unbeirrt fort. „Heute Abend ist ein Auftritt von der Blue Men Group. Hat einer von euch Lust dahin zu gehen? Thomas, Mirjam und ich wollen hin, aber Herr Herzog meinte wir müssen mindestens fünf Leute sein.“ Marie schaute nachdenklich in die Runde. Sie hatte die Blue Men Group schon in New York gesehen und glaubte eigentlich nicht, dass es in Berlin besser werden würde. Andererseits hatten sie bis jetzt noch keinen Plan für den Abend gemacht und nur im Raucherraum rum sitzen, kam ihr dann auch wieder ein bisschen langweilig vor. Sie zuckte mit den Schultern „Also meinetwegen kann ich mitkommen. Aber nicht allein.“. Ihr fiel auf, wie Sebi und Fabi einen kurzen, vielsagenden Blick wechselten. „Ich komm mit!“, sagte Fabi da auch schon „Ich wollte die schon immer mal sehen.“, er schaute Marie fröhlich an, die aber nur matt zurück lächelte. Wie hatte sie nur so dumm sein können? Klar kam Fabi mit, wer denn sonst? Und wenn sie nicht den ganzen Abend mit Thomi und seinen komischen Freunden verbringen wollte, hieß das, sie würde allein mit Fabi sein. Nervosität stieg in ihr hoch. Wahrscheinlich war da auch ein wenig Vorfreude, doch die wurde von der Übelkeit beinahe komplett unterdrückt. Thomi TomTom nickte ihnen erfreut zu. „Wir wollten so um halb acht los, das ist in einer Stunde.“, mit diesen Worten schloss er die Tür hinter sich.
Sebi zündete beinahe zeitgleich einen Joint an. Als er ihn Marie reichte nahm sie acht ordentliche Züge und lehnte sich zurück. Wenn sie den Abend schon irgendwie überstehen musste, dann mit Sicherheit nicht nüchtern.

Die Show war gut, aber Maries Annahme, dass sie nicht an die, in New York, herankommen würde, bestätigte sich. Doch in New York war sie nicht bekifft gewesen. Das ganze Getrommel und das Spiel mit den Farben wirkte diesmal ganz anders auf sie ein. Tatsächlich konnte sie fast den kompletten Abend an fast nichts Anderes denken, als daran, wie sehr sie die Farben faszinierten und wie wunderschön die Farben waren. Das Wort ‚Farben‘ hallte förmlich in ihren Kopf umher. Manchmal spürte sie Fabis Blick auf sich ruhen, aber es kümmerte sie wenig. Sie wollte nicht an Fabi denken, oder daran, dass er sie geradezu um den Verstand brachte. Sie wollte einfach abschalten und alles um sich herum für einen Moment vergessen. Als die Show vorüber war, glühten ihre Wangen und ihr Kopf fühlte sich ganz heiß an. Begeistert drehte sie sich zu Fabi um und auch er hatte die Show sichtlich genossen. Maries Gewissensbisse und auch die Zweifel waren auf einmal wie weggeblasen. Sie schmiss sich um Fabis Hals und er drückte sie freudig an sich. „Das war echt gut!“, sagte sie, als sie sich wieder von ihm gelöst hatte. „Jaa, das war es.“, stimmte er ihr glücklich zu und die Beiden bahnten sich durch die Menge, Richtung Ausgang. Es war schon dunkel und sie konnten Thomi und seinen Clan nirgends finden, weshalb sie alleine zu der Bushaltestelle gingen. Außer ihnen, war nur noch ein anderer Mann dort, der leise vor sich hin schimpfte. Marie musterte ihn. Er hatte schäbige, dreckige Jeans an und wirkte auch sonst sehr ungepflegt. Sei Hemd hatte überall Löcher und seine Haare waren zerzaust. Auch seine Hände waren tiefschwarz vor Dreck und obwohl sie zehn Meter Abstand hielten, trieb ihr sein beißender Schweißgeruch fast Tränen in die Augen. Immer noch schimpfend stocherte er mit bloßen Händen im Mülleimer der Bushaltestelle herum. Er schien nach etwas zu suchen.
Fabi zog sie näher an sich heran. „Der ist gruselig, der Typ, oder?“, flüsterte er ihr, kaum hörbar, ins Ohr und sie nickte. Plötzlich schaute der Mann auf und ging zielstrebig auf die Beiden zu. Marie keuchte vor Schreck und klammerte sich an Fabi, der nicht weniger beunruhigt schien. Der Mann begann wild auf die Beiden einzureden. Er sagte irgendetwas von einem Elektriker und einem Auftrag. Marie verstand kein Wort. Endlich kam der Bus und Marie hastete erleichtert zur Tür. ‚Der wird ja wohl kaum mit fahren‘, dachte sie sich und war froh darüber, den Mann endlich los zu sein. Da spürte sie eine Hand auf ihrer Schulter. Sie musste fast würgen, der Schweißgeruch war noch intensiver geworden. Erschrocken zuckte sie zurück und sie konnte fast spüren, wie das Adrenalin durch ihre Adern strömte. Da kam Fabi ihr auch schon zur Hilfe. Ohne lange zu Fackeln stieß er den Mann beiseite. „Verpiss dich!“, schrie er unüberhörbar und ein paar Passanten auf der anderen Straßenseite blieben stehen, um das Geschehen zu beobachten. Auch der Busfahrer war vom Fahrersitz aufgestanden und eilte Fabi zur Hilfe. Schnell zogen sie Marie, die wie erstarrt war, in den Bus und der Busfahrer ließ die Türen zu gleiten. Marie zitterte am ganzen Körper, war aber immer noch wie gelähmt. Fabi führte sie zu zwei leeren Plätzen und sie setzte sich, ohne weiter Kenntnis davon zu nehmen, was sie tat. Fabi legte seinen Arm um sie und zog sie näher an sich heran. Mittlerweile war der Bus los gefahren und sie hatten den Elektriker – Mann hinter sich gelassen. Marie konnte immer noch nicht glauben, was gerade passiert war. Langsam gewann sie die Kontrolle über ihren Körper zurück. Sie legte ihren Kopf auf Fabis Brust und beruhigte sich. Sie wollte gar nicht daran denken, was passiert wäre, wenn er nicht für sie da gewesen wäre. Immer noch leicht zitternd griff sie nach seiner Hand.

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