15 – Marie

Es fühlte sich seltsam an, Fabis Hand zu halten – seine Hände waren riesig. Trotzdem spürte sie ein leichtes Kribbeln im Bauch. Der Bus hielt gerade an der Haltestelle neben ihrem Hostel, als Maries Handy vibrierte. Schnell zog sie es heraus. Eine Nachricht von Lewi! Ihr Herz begann zu rasen, sie wurde furchtbar nervös. Er hatte sich vier Tage nicht gemeldet, kein einziges Wort hatte sie von ihm gehört. Und ausgerechnet jetzt hatte er beschlossen ihr eine Nachricht zu schicken? Als hätte ihm das Universum gesagt ‚Lewi, pass auf, deine Freundin geht vielleicht fremd‘. Noch ohne die SMS geöffnet zu haben, kam ihr schlechtes Gewissen und die damit verbundene Übelkeit vom Vormittag wieder.
Angespannt drückte sie auf Nachricht öffnen.

Bist du noch sehr sauer?

Sie traute ihren Augen kaum. Nach fast fünf Tagen Funkstille hatte er sich nichts Besseres einfallen lassen können als das? Nicht einmal eine Entschuldigung? Marie war nun wirklich wütend und steckte ihr Handy,  ohne zu antworten, zurück in die Handtasche. „Alles klar?“, fragte Fabi, dem die Sache wohl nicht entgangen war. Marie schüttelte den Kopf. „Alles gut.“, sagte sie dann und lächelte ihn an, „Lewi ist irgendwie einfach ein Arsch. Ich will jetzt nicht drüber nachdenken.“. Fabi schaute sie besorgt an, nickte dann aber verständnisvoll.
Schon auf dem Gang vor ihrem Zimmer konnte Marie laute Stimmen und Musik hören. Sie hatte sich jetzt eigentlich auf einen entspannten Abend mit Fabi und vielleicht Ina und Sebi gefreut, doch es hörte sich nicht gerade so an, als wären nur die beiden bei ihr ihm Zimmer. Verwirrt drehte sie sich zu Fabi um. „Meinst du das Konzert ist schon vorbei?“. Fabi wirkte nicht weniger verwirrt: „Keine Ahnung, also hätte ich jetzt nicht gedacht eigentlich. Lass mal rein schauen…“. Marie nickte und öffnete die Tür. Das Zimmer war proppenvoll mit ungefähr der halben Berlin-Stufenfahrt-Gruppe. Darunter auch Anna, Oli, Chrissi, Nermin, Ina und Sebi. Die Musik war viel zu laut und alle redeten durcheinander. „Marie!“, kreischte Anna und zog sie in einer Umarmung zu sich aufs Bett. Sie war sichtlich betrunken. Marie war für einen Moment komplett überfordert mit der Situation. Dann legte sie sich lachend neben Anna. „Wars denn gut?“, fragte diese jetzt und schaute Marie neugierig an. „Jaa, war schon gut.“ Marie grinste „Und bei euch?“. Anna verzog die Miene „Das Konzert ist ausgefallen.“ „Waas?“, fragte Marie entsetzt und belustigt zugleich. „Ja. Irgendwie… also der Sänger von denen war irgendwie krank und konnte nich singen. Eigentlich wollten die das Konzert dann trotzdem machen und die Vorband hat auch gespielt, aber als Papa Roach dann dran waren, kam einer von denen auf die Bühne und meinte, dass die das Konzert doch absagen müssten, weil der Sänger auf keinen Fall singen kann. Naja keine Ahnung, immerhin haben wir das Geld wieder bekommen.“. Anna wirkte nicht besonders enttäuscht über die Planänderung des Abends, also fragte Marie nicht weiter nach. Stattdessen zog sie ihr Handy aus der Tasche. „Lewi hat sich gemeldet“, erzählte sie nun und streckte Anna ihr Handy entgegen. Diese nahm es stirnrunzelnd entgegen. „Sein ernst!?“, fragte sie schließlich und Marie sah ihr sofort an, dass sie nicht weniger empört über das Geschriebene war. „Ich mein, das war alles was er geschrieben hat? Nicht mal ne Entschuldigung?“, beschwerte sie sich. „Ja, das war alles was er geschrieben hat…“, stöhnte Marie, die beim Gedanken daran wieder sauer wurde. „Hast du was geantwortet?“, wollte Anna mit einem leicht säuerlichen Unterton wissen. „Nee… glaubst du ja wohl selbst nicht. Ich mein, was soll das Ganze?“. Anna lies ein undefinierbares Seufzen von sich und wandte sich dann Sebi zu, der sie von der anderen Seite aus angesprochen hatte. Fabi hatte sich neben Marie auf die Bettkante gesetzt. Marie setzte sich jetzt auch wieder auf und legte ihren Kopf auf seine Schulter. „Bist du müde?“, flüsterte er ihr ins Ohr. Marie zuckte mit den Schultern „Ich weiß nicht, ein bisschen vielleicht. Aber grad bin ich hauptsächlich einfach nicht in Stimmung zu feiern… Ich würde ja in mein Bett liegen, aber…“ mit einer Kopfbewegung deutete sie auf ihr Bett und Fabi folgte ihrem Blick. Mindestens fünf Leute lagen oder saßen halbwegs übereinander auf Maries Bett, teilweise sogar unter ihrer Decke. „Ich weis nicht, aber irgendwie hab ich überhaupt gar keine Lust mich da überhaupt nochmal rein zu legen.“, stellte sie dann, leicht genervt fest. Fabi nickte: „Komm, lass mal hoch zu mir gehen oder?“. „Ja“, nahm Marie den Vorschlag dankbar an und stand auf. „Vielleicht zuerst noch im Raucherraum eine rauchen?“, schlug er vor und Marie stimmte zu. Als sie schon fast zur Tür hinaus gegangen waren, hörte Marie Annas Stimme hinter sich rufen: „Hey Marie! Du haust doch wohl nicht schon wieder ab?“. Sie sprang auf und kam zu ihr. „Mh, weiß auch nicht. Ich hab echt kein Bock auf feiern oder die ganzen Leute. Und ich finds jetzt grad auch nicht soo geil, dass alle bei mir aufm Bett sitzen. Ich will da ehrlich gesagt gar nicht mehr drin schlafen.“, erklärte sie ihrer Freundin. „Oh, ja da hast du Recht.“, sagte Anna, nachdem sie sich kurz zu Maries Bett umgedreht hatte. „Ich hab irgendwie gar nicht so drauf geachtet, tut mir Leid“, fügte sie dann, ein wenig schuldbewusst, hinzu. „Ach was kein Problem. Passt schon“, Marie lächelte sie an. „Dann geht ihr zu Fabi ins Zimmer, oder?“, wollte sie wissen und Marie nickte. „Ich komm vielleicht nachher dann auch noch hoch, ist das in Ordnung?“, fragte Anna. „Klar. Wir gehen erst mal eine Rauchen und vielleicht bleiben wir ja noch kurz unten. Also wir sehen uns ja dann nachher.“, sie drückte Anna kurz und schloss endlich die Tür hinter sich.
Der Raucherraum war leer und sie setzten sich auf ein kleines Sofa, das in der Ecke stand. Der Fernseher lief auf Pro7 und im Programm kam gerade ‚Two and a Half Men‘. „Lass einfach n bisschen hier bleiben, oder?“, fragte Marie müde. „Können wir machen.“, bestätigte Fabi und zündete sich eine Zigarette an. Dann hielt er Marie das Feuer hin. Sie schwiegen eine Weile vor sich hin, bis Fabi schließlich die Stille unterbrach: „Was war vorher los? Hat Lewi dir geschrieben? Marie, ich weiß, dass du mit ihm zusammen bist und dass ihr eigentlich auch glücklich seid. Also tut mir Leid, wenn ich dich da in ne blöde Situation gebracht hab. Irgendwie wollte ich mich da jetzt eigentlich nicht so zwischen drängen oder so.“ Es folgte erneut ein Schweigen, diesmal allerdings leicht betroffen. „Ne. Er hat sich nicht entschuldigt. Ich glaub langsam er ist wirklich ein Arsch. Also du drängst dich nirgends dazwischen. Ich mag dich schon ziemlich. Also jetzt rein freundschaftlich gesehen. Und es war ja auch echt meine eigene Entscheidung bei dir zu schlafen und so. Klar ich war betrunken, aber das zählt jetzt ja nicht wirklich als Ausrede. Naja, also es ist noch nichts passiert.“. Marie meinte ein leises ‚Noch nicht‘ aus Fabis Mund zu hören, aber genau in dem Moment kamen ein paar Spanier laut durcheinander grölend in den Raum.
„Gehen wir hoch?“, Fabi wirkte ein wenig enttäuscht darüber, dass sie das Gespräch nicht hatten vollenden können. Marie war immer wieder darüber erstaunt, wie gerne er über seine Gefühle sprach. Wenn man Fabi so von außen betrachtete, sah er nicht gerade wie ein Mann der Worte aus. Aber das mochte sie an ihm. So war wenigstens immer sofort klar, was er dachte und wie er zu gewissen Dingen stand. Marie selbst fiel es manchmal viel schwerer, so offen zu sein und sie war regelrecht erleichtert darüber, dass die Spanier sie unterbrochen hatten.
„Gehen wir hoch!“, stimmte Marie Fabi zu und sie gingen zusammen nach oben in sein Zimmer.

Werbeanzeigen