16 – Anna

Nachdem Marie kurz vorbei gekommen war, fühlte sich Anna ein wenig schuldig und ihre Feierlaune war etwas gedämpft. Sie hätte wirklich aufpassen können, dass Maries Bett einigermaßen frei blieb. Doch, da die beiden sich das große Doppelbett in der Mitte des Zimmers teilten und die restlichen vier aus zwei Hochbetten bestanden, war es natürlich klar gewesen, dass die Leute sich hauptsächlich auf das Doppelbett setzen würden.
Nun, da Anna das Bett genauer betrachtete, bemerkte sie, dass es nicht nur voller Menschen und Klamotten war, sondern sich auch jede Menge Krümel und Dreck darauf befand. Wie sollte sie das heute Nacht nur wieder sauer bekommen? So wollte sie dort ganz sicher nicht drin schlafen.
„Hey Anna, ich hab dir ne neue Mische gemacht.“, riss Sebi sie aus ihren Gedanken und hielt ihr einen Plastikbecher hin. Er war randvoll mit Wodka-Multivitaminsaft und Anna nahm ihn dankend an. Sie hatte zwar bereits einige Becher intus, doch um das Chaos im Zimmer zu verkraften, brauchte sie noch ein wenig mehr.
„Was ist los?“, wollte Sebi, der ihren Stimmungswandel wohl bemerkt hatte, wissen. Anna seufzte leise und antwortete dann: „Marie war gerade hier und sie war nich besonders begeistert, wie vermüllt ihr ganzes Bett ist.“. „Ach komm schon, Marie ist ne Spaßbremse. Jetzt lass dir doch davon nich den Abend versauen!“, forderte Sebi sie leicht genervt auf und Anna nickte zustimmend. Dann nahm sie einen großen Schluck aus dem Becher und meinte: „Ja mach ich auch nich, aber sie hat schon irgendwo Recht. Ich mein, schau mal, wie dreckig das Bett ist. So kann ich da nachher sicher auch nicht drin schlafen.“.
Sebi warf einen Blick auf das Bett und sein Mund verzog sich zu einem halb anzüglichen, halb verschlagenen Grinsen. „Also, wenn du willst, kannst du auch wieder bei mir schlafen.“, bot er ihr mit noch breiteren Grinsen an und sein Gesicht näherte sich langsam dem ihren. „Ähm nein, danke! Ich werd es schon irgendwie sauber bekommen!“, erwiderte Anna und bemühte sich um eine feste Stimme. Dann trat sie demonstrativ einen Schritt zurück und stieß mit dem Rücken gegen die Zimmertür.
Sie befand sich in einer Sackgasse, stellte sie erschreckt fest und ihr Herz begann schneller zu schlagen. Sebis Grinsen hatte sich nun leicht verändert. Es wirkte weicher und ernster, was Anna nur noch weiter beunruhigte. Er machte langsam einen Schritt auf sie zu und seine Nähe war für Anna kaum mehr zu ertragen. Ihr Herz hämmerte immer schneller gegen ihre Brust, ihr wurde heiß, fürchterlich heiß und der Alkohol zeigte nun endgültig seine Wirkung – sie war nicht mehr im Stande auch nur einen klaren Gedanken zu fassen.
Ihre Gefühle waren ein Widerspruch in sich. Zum einen war sie aufgeregt, ja fast vorfreudig, doch zum anderen fühlte sie sich bedrängt und ein Anflug von Panik stieg in ihr auf. Sie war wie gelähmt, konnte sich nicht bewegen, nicht einmal klar denken. Was, wenn er sie hier einfach küsste und sie sich nicht dagegen würde wehren können? Das durfte nicht passieren. Sie würde Maxi ganz sicher nicht betrügen. Die gestrige Nacht war ein Ausrutscher gewesen und so etwas würde sie ganz sicher nicht noch einmal zulassen – geschweige denn Schlimmeres.
„Anna“, hörte sie dann plötzlich jemanden rufen, „Irgendwas stimmt nicht mit Chrissi!“. Es war Inas Stimme und es schien wirklich ernst zu sein. Zu ihrer Erleichterung entfernte sich Sebi daraufhin ein wenig von ihr und sie hatte wieder die Kontrolle über ihren Körper. Schnell lief sie hinüber zu Ina, die sich gerade einen Weg durch die Herumstehenden bahnte und fragte alarmiert: „Was ist denn los? Hat sie zu viel getrunken?“.
Ina schüttelte nur den Kopf und zog sie hinter sich her durch die Menge, bis sie bei Chrissi angekommen waren. „Was ist los?“, wollte Anna erneut wissen und Chrissi zeigte ihr eine stark angeschwollene, rote Stelle auf ihrem Arm. „Irgendwie muss Schokolade oder was mit Nüssen in mein Bett gekommen sein.“, erklärte sie und kratzte sich panisch am Hals. Anna begann sofort damit, Ina beim Durchsuchen des Bettes zu helfen. Chrissi war sehr allergisch gegen Schokolade und alles, was Nüsse enthielt. Allein bei dem Geruch von Erdnüssen wurde ihr bereits schlecht und kam ihre Haut in Kontakt mit Nüssen, bekam sie sofort einen schlimmen Ausschlag.
Anna hatte einige Krümel, die verdächtig nach Überbleibseln eines Hanutas aussahen, gefunden und versuchte ihr Bestes, das Bett davon zu säubern. „Vielleicht ist es das Beste, wenn du die letzten beiden Nächte im Bett oben drüber schläfst.“, schlug Anna der beunruhigten Chrissi vor, da es ein Ding der Unmöglichkeit war, das komplette Bett von den Krümeln zu befreien. „Wahrscheinlich hast du Recht.“, stimmte Chrissi ihr zu und begann ihr Kopfkissen auszuschütteln, um es danach in das freie Bett über ihrem zu legen. Gott sei Dank, hatten sie zu viert ein Sechserzimmer und so genug freie Betten, dachte sich Anna und half Ina mit der Bettdecke.
Nachdem sie das obere Bett so weit hergerichtet hatten, dass Chrissi darin schlafen konnte, war Anna nun endgültig die Lust auf Feiern vergangen. „Lasst die mal raus werfen.“, schlug sie Ina und Chrissi vor, doch die beiden schienen nicht besonders überzeugt von ihrem Vorschlag. „Ach komm schon, es ist doch gerade mal Eins.“, versuchte Ina sie umzustimmen, doch Anna erwiderte nur müde: „Nein wirklich Leute, ich bin verdammt müde. Letzte Nacht bin ich schon so spät ins Bett und morgen müssen wir sogar noch früher raus als heute. Ich überleb den Tag morgen nich, wenn ich nicht bald ins Bett geh.“.
Und das stimmte. Anna hatte die kurze, gestrige Nacht nicht besonders gut geschlafen und war schon den heutigen Tag völlig am Ende gewesen. Noch einmal würde sie das nicht durchhalten. „Selbst schuld, wenn du gestern auch so lange weg warst.“, lachte Chrissi, die das ganze ziemlich zu amüsieren schien. „Kannst ja wieder bei den Jungs schlafen, wenn du so müde bist.“, begann nun auch Ina sie zu necken.
Unter normalen Umständen hätte Anna die scherzhaften Sticheleien lachend ertragen und vermutlich selbst welche ausgeteilt, doch sie war einfach zu müde und drehte sich, mit den Augen rollend, weg. Wenn sie schon nicht würde schlafen können, so beschloss sie, würde sie sich immerhin ein ruhigeres Plätzchen suchen. Dieser Lärm war schließlich nicht mehr zu ertragen. Und sie bahnte sich genervt einen Weg bis zur Zimmertür.

Draußen im Flur blieb sie stehen. Verwirrt stellte sie fest, dass sie gar keine Ahnung hatte, wo sie überhaupt hingehen sollte. Dann fiel ihr wieder ein, dass Marie angeboten hatte, sie könne zu ihr und Fabi ins Jungszimmer kommen. Entschlossen diesem Angebot nach zu kommen, lief sie zum Treppenhaus hinüber und begann die vielen Treppen hinunter zu steigen. Sie genoss die hier herrschende Stille und beeilte sich nicht, da die Müdigkeit sich nun auch in ihre Beide ausgebreitet hatte.
Dann hörte sie, wie jemand ein wenig über ihr, ebenfalls die Treppe hinunterstiegt. „Na, kein Bock mehr auf Feiern?“, hörte sie Sebi amüsiert fragen. Erst erwog sie es, gar nicht zu antworten, doch dann erklärte sie: „Ich bin müde und der Lärm da oben war einfach nicht mehr zu ertragen.“. Sebi war nun auf ihrer Höhe angekommen und sie liefen langsam die Treppe hinunter.
„Und da dachtest du dir, du nimmst mein Angebot an und schläfst noch ne Nacht bei mir?!“, stellte er grinsend mit einem fragenden Unterton in seiner Stimme fest. Anna verdrehte die Augen. „Nein.“, erklärte sie, „Marie und Fabi sind bei euch im Zimmer und Marie hat vorhin gesagt, dass ich auch kommen kann. Und wenn die Leute aus meinem Zimmer verschwunden sind, geh ich zurück und schlaf in meinem Bett.“.
Sebi lachte kurz auf. „Du willst doch jetz nich ernsthaft da hoch und die beiden stören, oder?“, wollte er verdutzt wissen. Doch Anna schaute ihn nur verständnislos an. „Wieso sollte ich nicht?“, fragte sie zurück. Sebi legte ihr völlig übertrieben eine Hand auf die Schulter und blickte sie ernst an, als sei sie schwer von Begriff. Dann begann er langsam und deutlich zu sprechen: „Fabi und Marie haben was miteinander. Sie sind extra zu zweit bei uns im Zimmer, um allein zu sein.“.
Dann fügte er mit normaler Stimme hinzu: „Du kannst mir nicht erzählen, du hast das noch nicht mitgekriegt! Die beiden lagen doch gestern schon zusammen im Bett, als wir hochgekommen sind. Und heute waren sie zu zweit bei der Blue Men Group. Offensichtlicher kann man ’s doch kaum mehr machen.“. Da hatte Sebi wohl mehr Informationen als sie. Schließlich war, laut Maries Schilderung im Park, noch nichts zwischen den beiden gelaufen und es hatte auch nicht so geklungen, als hätte sie vorgehabt, daran etwas zu ändern.
„Ich würde sagen, ich schreib Fabi mal und frag ihn ob wir herkommen können. Und wir beide rauchen, bis er antwortet, noch ne kleine Tüte im Raucherraum.“, schlug Sebi ihr vor und Anna, die noch viel zu verwirrt von der vorherigen Nachricht war, nickte zustimmend. Während sie in Richtung Raucherraum liefen und Sebi auf seinem Handy herumtippte, fragte sich Anna, ob Marie und Fabi wirklich etwas miteinander hatten. Vielleicht hatte Fabi seinem Kumpel ja auch einfach ein wenig mehr erzählt, als tatsächlich passiert war. Außerdem hatte Anna von Ina erfahren, dass Marie und Fabi nicht alleine, sondern mit Tommi TomTom und seinen komischen Freunden bei der Blue Men Group waren. Sie beschloss, Marie morgen oder heute Abend noch einmal danach zu fragen.

Im Raucherraum angekommen, drehte Sebi einen kleinen Joint und Anna sah aufmerksam zu. Vermutlich gab es keine andere Tätigkeit, die er mit einer solchen Sorgfalt vollführte, dachte sie und ein schwaches Lächeln stahl sich auf ihr Gesicht. „Irgendwann bring ich dir bei, wie das geht!“, verkündete Sebi, der ihren Blick bemerkt hatte und strich den Jay noch ein letztes mal schön glatt.
Während die beiden abwechselnd rauchten und sich die mittlerweile bereits gewohnte, zufriedene Sorglosigkeit in ihr breit machte, fragte sie ihn schließlich: „Sagmal, wieso hast du eigentlich nichts dagegen, dass Marie deinem Bruder fremdgeht? Kommt eher so rüber, als wärst du da auf Fabis Seite und würdest das unterstützen.“.
„Ich würde mal sagen, Fabi ist mehr wie ein Bruder für mich als Lewi. Der versucht ständig meine Ma gegen mich aufzuhetzen und verpetzt alles, was ich mache.“, erklärte er und in seiner Stimme lag eine ungewohnte Aggression. Er nahm einen großen Zug und reichte die Tüte an Anna weiter. „Ihr versteht euch wohl echt nicht so gut.“, stellte sie betroffen fest und eine nachdenkliche Stille bereitete sich zwischen ihnen aus.
Plötzlich vibrierte Sebis Handy und er sah auf den Display. Dann lachte er amüsiert auf und verkündete, noch immer grinsend: „Also Fabi meint, sie wären vollständig bekleidet und wir könnten hochkommen.“. Anna schluckte. Irgendwie war ihr die ganze Situation unangenehm. Sie wollte Marie und Fabi nicht stören. Doch erst recht nicht wollte sie, dass die beiden vor ihnen herum schmusten und das ganze sich als eine Art Doppeldate entpuppte.
Sie nahm einen großen Zug von dem Joint in ihren Händen und musste ein wenig husten. Sebi lachte. „Der ist jetzt wohl tot.“, erklärte er, der immer noch hustenden Anna und sie legte den restlichen Stummel in den Aschenbecher. „Jetz hast du auch mal einen tot gemacht.“, stellte Sebi grinsend fest und erhob sich.
Anna wollte ihm schon eröffnen, dass sie doch lieber wieder in ihr Zimmer gehen würde, da erinnerte sie sich an den Lärm, die vielen Menschen und das kniehohe Chaos, das sie dort erwarten würde und sie entschloss sich, ihm doch auf sein Zimmer zu folgen.

Oben angekommen bot sich ihnen ein ähnlicher Anblick, wie am Vorabend. Das Licht war bereits aus und Fabi und Marie schienen zu schlafen. Doch dann erklärte Marie ihnen in leisem Flüsterton: „Keine Sorge, wir schlafen noch nicht. Aber Wolfram ist gerade gekommen und will schon schlafen. Deswegen muss das Licht ausbleiben. Ihr könnt euch trotzdem leise unterhalten und warten, bis die Leute drüben weg sind. Ihr solltet ihn nur nicht wecken.“. Anna zuckte gleichgültig die Achseln und tastete sich zu Sebis Bett vor. Das kam ihr gerade recht. So musste sie sich immerhin kein Geschmuse ansehen oder schutzlos Sebis Flirtereien ausgesetzt sein.
Sie würde hier einfach warten und wenn Oli oder Nermin von drüber wieder kamen, zurück in ihr Zimmer gehen.
Nachdem Sebi sich halb sitzend, halb liegend neben sie auf dem Bett positioniert hatte, schloss sie entspannt die Augen und lauschte dem gleichmäßigen Atmen der anderen. Es dauerte nicht lange, da fiel ihr Kopf auch schon auf Sebis Schulter und die beiden rutschten ein Stück weiter nach unten. Anna glaubte zu spüren, wie er ihr einen zärtlichen Kuss auf die Stirn gab. War sich jedoch nicht sicher, ob dies wirklich passierte oder es sich bereits um ihrem Traum handelte.

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