18 – Marie

Der Kuss war schrecklich. Das hätte eigentlich das Warnsignal Nummer Eins für Marie sein können. Aber sie war so glücklich, dass sie Fabi küsste! Sie konnte es nicht glauben. Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals und ihr ganzer Körper kribbelte unaufhörlich. Doch sie konnte Fabis unbeholfene Küsserei einfach nicht ignorieren. Es war ihr schrecklich unangenehm, wie er da so unbeholfen in ihrem Mund herumwühlte. Sie drückte ihn leicht von sich weg. „Ich glaub…“, sie brach ab. Wie konnte sie ihm das nur schonend beibringen? Fabi du kannst nicht küssen! Das wäre sehr charmant und würde die romantische Situation ganz sicher zerstören. Unwillkürlich erinntere sich Marie an den ersten Kuss mit Lewi. Es war der beste Kuss gewesen, den sie bis dahin erlebt hatte. Alles hatte gestimmt. Sie hatten nebeneinander auf einer Bank am See gesessen und außer ihnen war kaum jemand zu sehen. Es war ein warmer Sommerabend und die Sonne war kurz vor dem Untergehen gewesen. Sie hatten sich über belangloses Unterhalten, bis Lewi Marie plötzlich an sich heran gezogen und sie geküsst hatte. Der Kuss war perfekt gewesen. Zuvor war es Maries größte Sorge gewesen, dass Lewi nicht würde küssen können. Sie hatte sich vorgestellt, wie schrecklich es sein müsste, unendlich in jemanden verliebt zu sein und dann beim erste Kuss eine solche Enttäuschung zu erleben. Damals war sie fest davon überzeugt gewesen, dass so ein Erlebnis sofort Zweifel hervorrufen würde. Denn wenn schon das Küssen nicht klappte, war man dann so verschieden, dass der Rest auch nicht klappen würde? Oder war es reine Übungssache? Musste man sich erst auf eine Art zu Küssen einigen? Was passierte, wenn es nie klappte? Doch mit Lewi hatte alles geklappt. Der Kuss war gut gewesen. Ganz im Gegensatz zu dem Desaster mit Fabi gerade. Marie fühlte sich selbst jetzt noch mit den selben Fragen konfrontiert. Aber es half ja alles nichts, sie musste etwas sagen. Sie wollte nicht, dass der Kuss zwischen ihnen stand. Sie wollte nicht, dass sie jetzt unsicher wurde, dass es jetzt komisch zwischen ihnen werden würde. Was, wenn sie keine romantische Zukunft hatten und der Kuss auch noch ihre Freundschaft zerstört hatte? Marie konnte sich nichts schlimmeres vorstellen, als Fabi als Freund zu verlieren.
Sie holte tief Luft. „Wir küssen irgendwie… verschieden.“, flüsterte sie schüchtern und lachte nervös auf. Fabi schwieg. ‚Oh Gott, ich hab alles nur schlimmer gemacht!‘, schoss es Marie panisch durch den Kopf und sie wurde leicht hysterisch. Sein Schweigen beunruhigte sie mehr, als jede Antwort es hätte tun können. „Ich hab das nicht böse gemeint!“, fügte sie schnell und behutsam hinzu. „Also… ich meine, das liegt jetzt nicht an dir. Ich hab jetzt nicht sagen wollen, du kannst nicht küssen… nur anders eben… anders, als ich.“. Sie stütze sich auf ihre Ellenbogen und schaute ihn an. Es war fast dunkel im Raum, aber sie konnte sein Gesicht ganz gut erkennen. Dann strich er ihr vorsichtig mit seiner Hand durchs Haar. „Du hast Recht“, antwortete er schließlich und nickte. „Ich küsse anders als du. Aber wir kriegen das hin.“. Nun lag erheiterte Entschlossenheit in seiner Stimme und Marie fiel ein Stein vom Herzen. Er hob den Kopf und küsste sie erneut, langsamer, zärtlicher und vor allem liebevoller. „Besser?“, fragte er dann grinsend und Marie nickte lächelnd. Sie küsste ihn noch einmal und es war erneut besser. ‚Aber immer noch nicht so gut, wie mit Lewi.‘, schoss es ihr unverhofft durch den Kopf. Beim Gedanken an Lewi krampfte sich Maries Magen zusammen. Ruckartig löste sie sich von Fabi und drehte sich weg. „Marie?“, fragte Fabi flüsternd und er wirkte nun sichtlich unsicher. „Wenn ich so schlecht küsse, dann sag das doch!“, forderte er sie auf. Seine Stimme klang enttäuscht, aber auch ein wenig verlegen. „So ist das nicht!“, Marie drehte sich wieder zu ihm um. „Es ist nur… Lewi“, ihre Stimme zitterte leicht. Sie fühlte sich schwach und schuldbewusst. Fabi schaute sie nur prüfend an, als versuche er, ihre Gedanken zu lesen. „Komm!“, flüsterte er dann entschlossen, „Wir gehen nochmal raus zum Raucherraum, da können wir uns in Ruhe unterhalten.“. „Okaaay“, stimmte ihm Marie unsicher zu und die beiden stahlen sich leise aus dem Zimmer. Kaum hatten sie die Tür hinter sich geschlossen, zog Fabi Marie wieder an sich und küsste sie – diesmal viel leidentschaftlicher, als gerade noch ihm Zimmer. Als er sie schließlich wieder los ließ, musste Marie einfach ein wenig überdreht loslachen. „Verrückt!“, kicherte sie „Wir sind verrückt!“. Fabi lachte nun ebenfalls und Marie merkte, dass er sichtlich erleichtert darüber schien, sie wieder so fröhlich zu sehen. Er nahm ihre Hand. „Na, dann sind wir eben verrückt!“, erklärte er und küsste sie auf die Nase. Dann stolperten sie lachend und aufgeregt die Treppen bis zum Raucherraum hinunter.
Der Raucherraum war leer, trotzdem lief der Fernseher. Sie setzten sich auf ein kleines Sofa. Marie legte ihre Beine über die Fabis und kuschelte sich glücklich an ihn. Eine Weile saßen sie einfach nur so da, keiner von beiden sagte etwas. „Du liebst Lewi schon sehr, oder?“, ergriff Fabi schließlich das Wort. Marie schaute ihm lange und nachdenklich in die Augen. Diesmal versuchte sie, seine Gedanken zu lesen. Aber Fabi war alles andere, als ein offenes Buch. „Ich liebe ihn schon noch, ja.“, sagte sie letzt endlich. Keine Rekation in seinen Augen. Marie wurde einfach nicht schlau aus ihm. „Und du bist glücklich?“, wollte er nun forschend wissen. Marie hatte keine Ahnung, was sie darauf antworten sollte. Klar, sie war glücklich mit Lewi. Er war lieb und er liebte sie. Wenn da nur nicht immer dieser Stress wegen Victoria wäre. Und wenn er in der Hinsicht nicht so uneinsichtig und egoistisch wäre. Sie schüttelte zaghaft den Kopf. „Ja, ich denke schon.“antwortete sie matt. Sie wusste nicht, welche Antwort Fabi hatte hören wollen und was er überhaupt mit der Frage erreichen wollte. „Ich meine…“, Fabis Stimme klang ein wenig enttäuscht, „Also, wir können die ganze Nacht einfach vergessen. Niemandem was sagen. Dann kannst du einfach wieder zu Lewi zurück. Oder besser gesagt – einfach so mit ihm weiter machen als wäre nichts gewesen.“, er zögerte kurz, „Aber ich fände das schade, Marie.“. Er nahm erneut ihren Kopf in seine Hände. „Ich hab dich wirklich gern, weißt du.“. Diesmal sah Marie eine Regung in seine Augen. Er sagte die Wahrheit. Er schien sie wirklich zu mögen. „Ich will nicht“, begann Marie, aber sie brach sofort wieder ab. Ja – was wollte sie eigentlich nicht? Oder was wollte sie? Nicht mehr mit Lewi zusammen sein? Nicht mit Lewi Schluss machen? Nicht die Freundschaft zu Fabi ruinieren?
Ein Gedanke schlich sich in ihren Kopf. Ein Gedanke, den sie sofort wieder zu vergessen versuchte. Der Gedanke daran, dass nichts mehr so sein würde, wie es gewesen war und, dass sie nichts würde tun können, um dies zu verhindern. Egal ob sie so weiter machen würde wie bisher, sie würde diese Nacht nie vergessen können und es würde immer zwischen ihr und Lewi stehen.
Fabi schaute sie wieder verwirrt an. Doch bevor Marie wieder etwas sagen konnte, ging die Tür zum Raucherraum auf und eine Gruppe Spanier kam herein. Unsicher wandte sich Marie Fabi zu. „Gehen wir einfach wieder rauf?“, fragte sie und Fabi war sichtlich unzufrieden mit dem aprubten Ende des Gesprächs. Doch er stand kurzerhand auf und sie schlichen sich wieder nach oben.

Als sie am nächsten Morgen aufwachten, löste sich Marie schnell aus Fabis Umarmung. Sie hatte Angst, Oli oder Nermin könnten bemerken, wie vertraut sie wirkten. Aber sie stellte erleichter fest, dass die beiden gar nicht im Zimmer waren. Eilig stand sie auf und sammelte ihre Klamotten zusammen. Ohne noch etwas zu Fabi zu sagen, oder sich anmerken zu lassen, was letzte Nacht geschehen war, hastete sie, Anna im Schlepptau, aus dem Zimmer.
Was sollte sie nur tun?

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