22 – Marie

Marie konnte nicht fassen, dass die Jungen doch tatsächlich so dämlich waren und es nicht schafften rechtzeitig zum Treffpunkt für die Abfahrt zu kommen. Waren sie wirklich so bekifft, dass sie nicht verstanden, was passieren würde, wenn sie den Zug verpassten? Sie hatten schließlich kein Ticket! Entschlossen zog sie ihr Handy heraus und tippte genervt eine SMS an Fabi.

Wo seid ihr denn?
Beeilt euch mal ein Bisschen.

Irgendwie ärgerte es sie auch, dass Fabi scheinbar gar nicht daran interessiert war, einen Platz neben ihr im Zug zu bekommen. Nach allem was in den letzten Tagen zwischen ihnen gelaufen war, hatte sie sich ein wenig mehr Aufmerksamkeit von ihm erhofft. Und nicht weniger schockiert war sie über die Tatsache, dass es die Lehrer überhaupt gar nicht interessierte, ob die Jungs da waren oder nicht. Das Vibrieren ihres Handys riss sie aus ihren Gedanken. Eine Nachricht von Fabi:

Sind schon auf dem Weg.

Na wenigstens etwas, dachte Marie genervt und suchte die Gruppe nach Anna ab, um ihr die Neuigkeiten mitzuteilen. „Hast du schon was von den Jungs gehört?“, fragte diese dann auch sofort, als Marie neben ihr stand. „Ja, Fabi hat mir geschrieben, er meinte sie sind gleich da.“, antwortete sie und Anna fragte skeptisch: „Meinst du die finden den Weg?“. Marie musste lachen, aber dann dachte sie daran, wie vier bis aufs äußerste bekiffte Jungen eine U-Bahn Station finden, und dann auch noch in die richtige einsteigen sollten und stellte fest, dass es eigentlich eine berechtigte Sorge war. Anna schaute sie halb belustigt, halb besorgt an. Marie schüttelte den Kopf. „Du hast Recht, es is schon gut möglich, dass die das nicht packen. Wie wärs, lass denen mal entgegen fahren, oder? Wir haben noch ne halbe Stunde bis unsere Bahn fährt.“ „Okay, ich bin dabei. Is sicher besser so.“. Anna eilte sofort los und Marie hastete ihr schnell hinterher. Im Gehen rief sie Chrissi noch zu: „Wir gehen mal nach den Jungs suchen!“. Chrissi antwortete gar nicht auf ihre Auskunft, sondern runzelte nur die Stirn und zog skeptisch eine Augenbraue hoch. ‚Da ist wohl jemand mit dem falschen Fuß aufgestanden‘, dachte sich Marie beiläufig, maß der Reaktion aber sonst keine Bedeutung zu. Anna und Marie hatten Glück, sie mussten keine zwei Minuten auf die U-Bahn warten, die sie zurück zum Hostel bringen würde. Doch als sie dort angekommen waren, vibrierte Maries Handy erneut. Noch eine Nachricht von Fabi:

Wir sind da wo seid
ihr 😀 :*

Marie grinste in sich hinein, als sie den Kusssmiley sah. Fabi war zwar ihr bester Freund und sie hatte schon öfter Kusssmileys von ihm bekommen, aber sie hatte das Gefühl, dass der hier eine komplett andere Bedeutung hatte, als die früheren. Anna schien ihr Grinsen zu bemerken. „Was?“, fragte sie neugierig und streckte ihren Hals, um die Nachricht lesen zu können. Marie drehte ihr Handy beiläufig zu Seite. „Nichts“; sagte sie unschuldig grinsend und fügte dann hinzu: „Nur, dass die Jungs wohl schon am Bahnhof sind. Wir haben sie verpasst.“. Anna ließ ein genervtes Stöhnen hören. „Dann geht’s jetzt wohl wieder zurück?“, beschloss sie und Marie nickte zustimmend.
Als sie endlich wieder am Bahnhof angekommen waren, begrüßten sie die Jungs mit einem breiten Grinsen. „Da seid ihr ja! Und ich dachte, wir während spät dran gewesen.“, neckte Sebi sie und zu Maries Überraschung schlenderte er gezielt auf Anna zu und Umarmte sie zur Begrüßung. War zwischen den beiden etwa auch etwas gelaufen? Soweit Marie wusste, lief die Beziehung zwischen Anna und Maxi perfekt. Ihr fiel eigentlich keinen Grund ein, weshalb Anna etwas mit Sebi anfangen sollte. Ihre eigenen Gründe für das, was zwischen ihr und Fabi war, waren zwar auch nicht gerade die Besten, aber sie hatte immerhin die komplette Woche in Berlin kein Wort von Lewi gehört. Außerdem kannte sie Fabi wirklich gut und sie waren schon lange gut befreundet gewesen. Anna hatte ihr doch erzählt, sie habe Sebi bis vor Berlin gar nicht gekannt?! Aber naja, Marie würde sich jedenfalls nicht einmischen. Sie mochte Sebi und Anna würde schon wissen was sie tat.
Was Maxi jedoch anging, so hatte die vielleicht sogar das Gefühl, dass er sie gar nicht leiden konnte, also würde es für ihre Freundschaft mit Anna wahrscheinlich sogar einfacher sein, wenn sie etwas mit Sebi anfing. Aber wahrscheinlich interpretierte sie viel zu viel in diese Umarmung hinein.
Fabi stellte sich unauffällig neben sie und raunte ihr plötzlich ins Ohr: „Meinst du da läuft was?“. Mit einer Kopfbewegung deutete er auf Anna und Sebi. Marie zuckte mit den Schultern. „Genau das hab ich mich auch gerade gefragt.“, stellte sie leise fest. Dann schaute sie zu ihm auf und er bedachte sie mit einem Blick, den sie noch nie zuvor an ihm gesehen hatte. Er lächelte sie an und schaute ihr dabei so tief in die Augen, dass es in Maries Bauch heftig zu kribbeln anfing. In den letzten zwei Tagen hatte sie so viel zwischen ihnen geändert! Den Küssen Donnerstagnacht waren mittlerweile noch zahlreiche weitere gefolgt.
Am Freitag Morgen hatten Marie unglaubliche Schuldgefühle geplagt. Sie hatte Angst gehabt, dass Lewi ihr genau an diesem Tag eine atemberaubende Entschuldigung schreiben würde, so als hätte er geahnt, was zwischen ihr und Fabi passiert war. Schuldbewusst bemerkte sie, dass sie fast erleichtert über das Ausbleiben einer solchen Entschuldigung war. Das machte sie Situation um einiges einfacher. Sie wusste zwar noch immer nicht genau, was sie mit Lewi und Fabi anfangen sollte, aber falls es soweit kommen würde, dass sie mit Lewi Schluss machen wollte, könnte sie den Streit immerhin als Grund nennen.

Gestern Mittag hatte die Gruppe ein wenig Freizeit bekommen und Marie und Fabi hatten sich unter einem belanglosen Vorwand von der Gruppe entfernen können. Als keiner von ihnen mehr in Sichtweise gewesen war, hatte Fabi Maries Hand gehalten und ihr ins Ohr geflüstert, wie wunderschön er die letzte Nacht gefunden hatte und wie gern er sie hatte. Maries Herz hatte unglaublich gerast. Sie hatte ganz vergessen gehabt, wie aufregend es sein konnte, frisch verliebt zu sein. Den ganzen Tag über hatten die beiden immer wieder Ausreden gefunden, ein Stück hinter den anderen zurück zu bleiben, um sich heimlich küssen zu können. Marie hatte durch die ganze Aufregung sogar vergessen, dass zu Hause Lewi auf sie wartete. Sie war so glücklich gewesen, wie sie seit Langem nicht mehr und konnte den Gedanken nicht ertragen, dass dieses Glück nun schon wieder ein Ende hatte.
„Du musst doch sicher nochmal aufs Klo, bevor wir los fahren, oder?“, raunte Fabi ihr kaum hörbar ins Ohr und sie sah, wie ein schelmisches Grinsen über sein Gesicht huschte. Kaum merklich nickte sie und teilte den anderen mit, sie würde noch einmal kurz nach einer Toilette suchen. Keine Minute später folgte ihr Fabi auch schon. Marie wartete hinter der Ecke, die zu den Toiletten führten und als Fabi an ihr vorbei lief zog sie ihn an sich. Es folgte ein leidenschaftlicher Kuss und alle Sorgen waren für einen Moment vergessen. Obwohl der erste Kuss zwischen ihnen nicht sonderlich gut gewesen war, waren die darauf folgenden umso besser gewesen. „Marie, was machst du nur mit mir?“, stöhnte Fabi leise an ihrem Ohr. Dies war wieder einer der Momente, in denen Marie nicht recht daran glauben konnte, dass Fabi, der unglaublich gut aussehende, große, starke Fabi, hier mit ihr stand, sie küsste, und sie scheinbar wirklich gern zu haben schien.
Plötzlich spürte sie, wie ihr Handy in ihrer Tasche vibrierte. Langsam schob sie Fabi von sich, sie brauchte nicht auf ihr Handy zu schauen, um zu wissen, von wem die Nachricht war. Das war mal wieder diese Sache mit dem Schicksal. Es erlaubte einem einfach nicht glücklich zu sein.

Schatz, du glaubst nicht wie unglaublich
Leid mir das alles tut! Das war die
schlimmste Woche in meinem Leben.
Ich weiß, ich hätte das mit Vic nicht machen
sollen. Egal, was ich jetzt schreib das reicht gar
nicht als Entschuldigung… ich hol dich heute Abend
am Bahnhof ab, okay? Dann können wir in Ruhe
reden.
Ich liebe dich ❤

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